Bucherkiste

Bücher 2017

Die Liebeserklärung
Jean - Philippe Blondel, verlag deuticke
Tatsächlich wieder ein Blondel und leichtfüßig, wie immer bei ihm, kommt sein neues Büchlein daher. Es geht mir bei Blondel so, dass ich mir vorstelle, ein milder Windstoß ließe ein Blatt durch das Küchenfenster hereinwehen, es würde auf meinem Tisch landen und ich halte ein schönes, klug aufgebautes Gedicht in den Händen. Nichts weltbewegendes, doch im Nachhinein genießt man die Zeit, die man mit diesem Gedicht verbracht hat und schaut melancholisch durch das andere Fenster, aus dem das Blättchen, mit einer neuerlichen lyrischen Erfassung des einzig wirklich großen belletristischen Themas, nämlich der Liebe, mit dem Wind wieder verschwunden ist. Corentin ist mit seinen 27 Jahren ein Prototyp einer unentschlossenen Generation. Eher zufällig, in Ermanglung von Alternativen,  arbeitet er im Fotogeschäft seines Patenonkels, dessen unique selling point es ist, Hochzeiten zu dokumentieren. Halbherzig eher - es ist ja irgendwie auch alles so einfach; auch seine Beziehung läuft  irgendwie so nebenher, obwohl er vornehmlich am Wochenende zu arbeiten hat. Eines Tages fotografiert/filmt er Aline, die ihn gebeten hat, ihren ganzen (schönsten) Tag (des Lebens) vom Aufstehen bis zum Abend zu dokumentieren. Fortan verändert sich sein Bild, bzw. sein Blick auf die Dinge und er arbeitet nun mit der Idee, von möglichst vielen Menschen, ob Hochzeiter, Gäste, Freunde, etc., einen Film zu machen, bzw. ein filmisches Portrait, und zwar müssen alle irgendwas aus ihrem Leben erzählen, Episoden, Existenzfragen, Beziehungen, Liebe, Erlebnisse oder auch Anklagen, egal… alles wird von Corentin aufgezeichnet und zu einem Gesamtbild verarbeitet. Und irgendwann holt ihn das erste Erlebnis mit Aline, die ja die Erste war, die er filmisch begleitet hat, ein. Ein ruhiges, romantisches Buch. Vorschlag: lassen Sie es sich von Ihrem Partner oder Partnerin Abend kurz vor dem Einschlafen vorlesen. Entweder Sie träumen bald schon, oder hören noch…aber egal, versäumen tun Sie nichts. Es macht ein gutes Gefühl.

 

Wut ist ein Geschenk
Arun Gandhi, verlag dumont
Es ist so eine Art Buch, welches man nach der Lektüre sinnend zur Seite legt und sagt: ja! Wie recht hat der Mann, bzw. wie recht hatte (bzw. hat) Mahatma Gandhi.
Wir lesen die Aufzeichnung eines Enkels des Mahatmas (sagt man das so? Nun fix gegoogelt und schon weiß ich folgendes: er hieß eigentlich: Mohandas Karamchand Gandhi und Mahatma ist eine Ehrentitel), eben Arun Gandhi, der zwei Jahre als Heranwachsender im Ashram seines Großvaters gelebt hat und nun die Lehren von Gandhi in 11 Lektionen aufbereitet, plus Vor- und Nachwort! Und was dabei herausgekommen ist, macht einen echt demütig. Es ist auch eine Art Geschichtskunde, denn der Mahatma hat viele gewaltfreie Aktionen inszeniert, wie z.B. den Salzmarsch, der sich gegen den britischen Kolonialismus richtete und zur Unabhängigkeit Indiens führte. Ich will hier gar nicht die Vita von Mahatma Gandhi nacherzählen, die steht ja im Buch, es gibt eine, oder es gibt die wichtigste Komponente, über die sich nachzudenken lohnt: was macht das mit mir!?
Dabei kann man banal losziehen und sagen, die fünf Fundamente der Lehren des Meisters (Respekt, Verständnis, Akzeptanz, Wertschätzung, Mitgefühl) sollten doch auch meine Grundlagen für meine Existenz und die der anderen Bewohner dieses Planeten sein. Und hier beginnt die Crux: ich spüre, fühle, sehe überall genau die gegenteilige Entwicklung. Alleine die „Flüchtlingskrise“ und die daraus resultierende haarsträubende Dämlichkeit von vielen Politikern und Mitmenschen in der Einschätzung dieses Dramas. Die Verblödung durch Medien, der Müll in den Meeren, die Klimaveränderung, die Abgrenzung, bzw. Nationalismus, und nicht zuletzt die Religionen mit ihren psychopathologischen Katastrophen in den Hirnen der sogenannten reinen Lehre und was weiß ich alles. Was hätte Gandhi uns heute zu sagen? Ich glaube, er würde nichts anderes tun als das, was er schon immer gemacht hat: mit Stock und Umhang umhergehen und Gewaltlosigkeit demonstrieren. Er war gar nicht religiös. Eher spirituell meditativ unterwegs. Und wenn er mal was von Religionen brauchte, so nahm er sich das von den jeweiligen Lehren was in seine Gedanken passte, und baute das in seine Lehren ein.  Arun Gandhi versucht die Ansichten und das Wirken seines Großvaters in die heutige Zeit zu retten. In die Zeiten Putins, Trumps und Erdogans. Er betreibt ein Institut in den USA und ist ein gefragter Referent. Und er wird immer viel Beifall bekommen. Genau wie dieses Buch. Und ich frage mich, wie so oft in dieser Zeit, was tun? Erich Kästner sagte mal: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Michael Schmidt- Salomon fasst in seinem „Manifest des evolutionären Humanismus“ zusammen: „Es gibt immer eine richtige Seite“. Das heißt, eigentlich sind diese Verhalten gar nicht so schwer, wenn man immer nachdenkt, was man gerade tut, wofür es gut ist und was für eine Nachhaltigkeit das hat. Und ob man am Leben noch Freude hat: Gandhi sagt dazu: „Freude liegt im Kampf, im Wagnis, in der Leidenschaft, nicht im Siegen“. Auf geht’s, Freunde!

 

Widerrechtliche Inbesitznahme
Lena Andersson, verlag btb
Das ist ein Buch das atemlos macht. Einerseits möchte man es an die Wand werfen und andererseits brennt man darauf zu wissen, wie diese Idiotie weiter und zu Ende geht. Lena Andersson schafft es, einen Sog zu entwickeln, der süchtig macht. Süchtig wie in diesem „Fall“ Ester Nielsson ist. Und es ist nahezu ein freier Fall. Mich erinnert diese Darstellung von pathologischer Liebessehnsucht an den Film „Eine verhängnisvolle Affäre“ (vielleicht etwas zu sehr Hollywood mit Mike Dougles und Glenn Close) oder Murakamis „Gefährliche Geliebte“. Alles Beschreibungen, Darstellungen von Obsessionen, die zur Katastrophen führen. Ester verliebt sich erst in ein Phantom, denn persönlich kennt sie den bekannten Aktions- und Videokünstler Hugo Rask gar nicht, hat aber den Job zu erfüllen, über ihn einen Vortrag zu halten. Die Arbeit daran weckt bei ihr eine Sehnsucht und tatsächlich sitzt der gerührte Künstler während des Vortrags im Publikum. Sie sprechen und sie treffen sich und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Banal ausgedrückt teilt Ester ab nun der Welt mit, sie sei keine Stalkerin, denn sie liebe Hugo Rast ja und alle (von ihr so verstandenen) Zeichen deuten darauf hin, dass er sie auch liebe. Was allerdings nicht stimmt. Er lebt sein Leben weiter und man spürt, je weiter das Buch fortschreitet, die Angst des Mannes vor weiteren Begegnungen. Ester Nilsson ist selbst eine großartige Essayistin und weiß die Worte wohl zu setzen. Ihre Argumentationsketten sind so logisch wie hilflos. Zu Anfang diskutieren sie auf höchstem Niveau existenzphilosophische Fragen aber im Grunde will sie nur bei ihm sein. Sein fortschreitendes Desinteresse führt zu körperlichen Schmerzen bei Ester; sie versteht nicht, wie der Mensch den sie liebt, das nicht erwidert und sucht blind und süchtig nach kleinsten Anzeichen; sitzt verrückt vor Erwartung nächte- und monatelang am Telefon, was sich nicht rührt und findet immer wieder Argumente für sein Schweigen, nur um sich selbst noch mehr zu belügen. Auch wenn ihr mal ein Hauch der Vernunft um die Nase weht und sie eine kleine Flucht nach Paris wagt, hilft es nicht. Sie geht zu Grunde. Ende offen. Ein grausames Buch. Sehr gut!

 

Als wir unbesiegbar waren
Alice Adams, verlag dumont
„Die Clique“,  hätte natürlich auch gepasst, aber ich glaube, diesen Titel gab es schon. Wir begleiten Eva, Benedict und die Geschwister Sylvie und Lucien ca. 20 Jahre. Wir steigen ungefähr in dem Alter ein, als sie am Anfang ihres Studentenlebens sind,  irgendwo in England und wir enden quasi in der Mitte des Lebens, wo tiefgreifende Entscheidungen gefallen sind, Freundschaften mehrmals in Frage gestellt wurden und die Zukunft auf keinen Fall so (gekommen) ist, wie man sie sich in jungen Jahren vorgestellt hat.  Wir begegnen die unterschiedlichsten Persönlichkeiten auf ihrem Lebensweg, ihren Wandel, vor allem ihren Spiegel von sich selbst. Lucien, selbstgefällig immer ein „Mir gehört die Welt“ Typ – dazu Frauenheld und Spieler. Seine Schwester Sylvie, hochbegabte Künstlerinnentalent mit der Option auf eine große kreative Karriere mit dem größten Absturz. Eva, nie wirklich von sich selbst überzeugt, eher die graue Maus, wird nach Wechsel ihres Studienganges ganz plötzlich zum global player im Bankenwesen und  spielt mit Derivaten und Zinsgewinnen, die sie in Bruchteilen von Sekunden um den Erdball jagt. Ihrem Vater Keith zum Trotz, der die Welt mit seiner sozialistisch geprägten Attitüde sieht. Auch sie fällt tief. Und endlich Benedict, Spross reicher Eltern und Physiker auf Einsteins Spuren, auf sogar am Ende erfolgreich beim aufspüren kleinster Elementarteilchen, den higgs. Aber sonst eher unglücklich verlaufende Liebesaffären, wie auch bei den anderen das Glück eher selten um die Ecke lugt. Wie schon gesagt, alles kommt irgendwie anderes, aber am Ende des Tages stehen sie wieder zueinander. Der Weg dahin war beschwerlich und eher von „Shit happens“ geprägt als von guter Laune. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, ob im Knast, oder bei der Geburt eines leicht  behinderten Kindes oder bei exzessiven Alkoholproblemen. Kurz – alles wie im richtigen Leben. Langatmig und manchmal vorhersehbar beim Lesen, aber am Ende versöhnlich, nicht weil sich die Clique wieder „kriegt“, sondern weil die Reflektionen über das Leben, wichtige philosophische Eindrücke vermittelt. Unmittelbar und schön untheoretisch.

 

Deutschland ab vom Wege: Eine Reise durch das Hinterland
Henning Sußebach, verlag Rowohlt
Das Buch ist ein Glücksfall. Und wird in der nächsten Zeit mein Geschenk für  alle die, die mich zu Ihren Geburtstagen, Jubiläen oder sonstigen Feiern einladen. Der Zeit-Reporter Henning Sußebach zeigt uns Deutschland, wie es mir noch keiner nahe gebracht hat. Er diskutiert mit mir meine Arroganz eines Städters, die fast schon folkloristischer Sicht auf das übrige Land. Land meint hier wirklich „das ländliche“ Deutschland, in Frankreich würde man sagen, Provinz, und auch das hört sich hochnäsig an, nämlich aus der Sicht eines „Urbanisten“, der alles „in der Nähe“ hat. Ob es Geschäfte, Banken, Märkte, Sportveranstaltungen, usw., sind. Selten habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wie es außen aussieht; was man draußen denkt, und…Henning Sußenbach ist in der Lage, eben durch dieses Buch die Augen zu öffnen. 6,2 Prozent unseres Landes sind schon asphaltiert und betoniert. Allein in Bayern kommen täglich 13 Hektar dazu.  Sußebach macht sich aber auf den Weg, den Rest zu betreten. Und seine Begegnungen mit dem „Volk“, das er da unterwegs trifft, erklärt mehr als jede sozialwissenschaftliche Studie, die uns den Unterschied zwischen Stadt- und Landbevölkerung erklären will. Diese Menschen haben einen Lebens- und Erfahrungshorizont, der die Grenzen zwischen arm und reich nur tangiert aber die viel interessantere Grenze, die zwischen Stadt und Land, gnadenlos aufzeigt. Was habe ich damit zu tun? Ja, das kann man fragen, ist aber falsch: es geht auch um mein Land, und bevor ich mich wieder in die selbstverständliche Versorgung und Annehmlichkeiten des Städters begebe, mit all den Bankautomaten, Tankstellen, Kneipen, Cafes’s, Clubs, Stadtfesten, etc…,werde ich versuchen, das alles mit den Augen eines derjenigen Menschen zu sehen, die mir Sußebach so nahe gebracht hat. Eine Wanderung durch den Sumpf des Daneben, an den Straßen und Autobahnen vorbei, quer durch Felder, Äcker, Wälder und Hügel…von der Ostsee bis zur Zugspitze, 800 Kilometer in 50 Tagen. Meine Hochachtung vor der Idee, noch mehr vor deren Umsetzung. Ein klasse Buch, das nachdenklich macht. So muss das sein. Alle meine Empfehlungen!

 

Das Bild aus meinem Traum
Antoine Laurain, verlag Hoffmann und Campe
Wenn man den Titel verkürzt darstellt, kommt heraus „Das Traumbild“. Und ich denke so sollte man diese faszinierende, kleine Geschichte auch verstehen. Es ist irgendwie auch eine Art Märchen.
Der erfolgreiche Pariser Anwalt Maître Pierre-François Chaumont, lebt in einer nunmehr leidenschaftslosen Beziehung mit Charlotte und betreibt deshalb umso leidenschaftlicher seine Passion: das Kunstsammeln. Kaum eine Auktion ohne ihn und er weiß kaum noch wohin mit all den ersteigerten Vasen, Bildern und sonstigen Antiquitäten, hinter denen er Wert und Kultur vermutet. Eines Tages erblickt er auf einer Auktion ein altes Ölgemälde und er ist sich sicher, das Bild stellt ihn da. Kein Zweifel. Und klickt auf „sofort kaufen“! Und er vermutet danach eine Art Verschwörung, eventuell angezettelt von seiner gelangweilten und treulosen Frau, denn weder sie noch sonst irgendwelche seiner früheren (vermeintlichen) Freunde und Bekannte sehen irgendeine Ähnlichkeit mit ihm, machen sich gar lustig. Er findet auf dem Bild bei genauerem Hinsehen ein Familienwappen und beschließt dieses alte Adelsgeschlecht auf deren Schloss Mondragore in der Bourgogne zu besuchen. Er wird empfangen wie der zurückgekehrte Graf von Mondragone, seit einiger Zeit verschollen und gar eine zauberhafte Frau wartet mit Tee und schönem Körper auf ihn. Er lässt es zu der Graf zu sein, warum auch zweifeln? Einmal noch durchbricht er seine alte Identität und macht er sich auf, wie durch ein Zeitfenster, „zu Hause“ anzurufen und siehe da, er meint, eine bekannte Stimme auszumachen, die jetzt dem neuen Geliebten seiner Frau gehört. Also lieber zurück als Graf von Mondragone und wenn er nicht gestorben ist….

 

Die Eismacher
Ernest von Kwast, verlag btb
Meine ersten selbstständigen Erfahrungen in der Gastronomie war die heimatliche Eisdiele, die in unserem  südlichen Dortmunder Vorort schnell zum Stammtreffen wurde für uns . Mario Fistarol, unglaublich dass ich den Namen noch weiß, es ist über 50 Jahre her, und seine über alle Maßen schöne Frau, betrieben Ihr Eiscafe, genauso wie es Ernest von Kwast in seinem wunderbaren Roman „Die Eismacher“ beschreibt. Ich weiß zwar nicht, ob die Fistarols aus dem gleichen Tal in den Dolomiten kamen wie die Talaminis in Rotterdam, wo der Roman in der Gegenwart spielt - aber wie auch sie, schlossen sie das Eiscafe Venezia irgendwann im Herbst und die Familie verbrachte den harten Winter im heimischen, eisigen Tal, und es ging wie ein Lauffeuer durch unseren beschaulichen Vorort, wenn sie bei uns  im Frühling die Rolläden  wieder hochzogen. Der Roman ist aber mehr, es ist die mehr oder weniger fiktive Geschichte des Eismachens überhaupt. Und das geht über mehrere Generationen. Man kann sich gut in den Generationenablauf der Talaminis rein finden, vom ersten Guiseppe bis zum letzten, heutigen Nachwuchs. Die Geschichte wird erzählt von einem Abtrünningen, einer der sich von Anfang an sperrte, die Eismaschinen zu bedienen.  Denn Giovanni wird ein weltweit anerkannter Veranstalter von Lyrikfestivals kommt aber immer, wenn es die Zeit hergibt, nach Rotterdam, hilft sogar anfangs noch aus im Cafe, spielt aber doch noch eine schicksalhafte Rolle in der Generationenfolge. Wie, dass sollte hier tunlichst nicht verraten werden. Giovannis Bruder ist der letzte Talamini der die Eismaschinen bedienen kann und zartschmelzendes Grappasorbet, sanftgrünes Pistazieneis, zimtfarbene Schokolade und weitere Schnabulitäten erfindet und so die leckwillige Kundschaft lockt. Mit Guiseppe, dem letzten Spross der Talaminis ist wieder eher ein Aufrührer und Weltenbummler geboren, so dass es durchaus sein kann, dass wir Zeuge der langsamen Schließung  dieser Eis Institution werden. Zurück in ihrem Tal in den eisigen Dolomiten, leben dann die alten Eismacher ihrem Tod entgegen. Etwas Melancholie liegt überallem. Ein schönes Buch, das stellenweise traurig macht!

 

Der Sohn des Hauptmanns
Nedim Gürsel, dumont – verlag
So ein Journalistenleben, spannend gelebt, hat viel zu erzählen. Franka Magnani, Ulrich Wickert, Scholl – Latour, etc., oder eher Tiziano Terzani „Das Ende ist mein Anfang“, im Übrigen sehr beeindruckend von Bruno Ganz gespielt. Vielleicht haben sich die beiden ja auch gekannt, der eine, Terziani, war Spiegel -Reporter und in aller Welt unterwegs, ebenso wie Gürsel. Sie sind, oder waren, in etwa gleich alt. Also warum nicht? Während Terzani die Sache mit dem Altwerden und dem nahen Tod eher mit erkenntnisphilosophischem Hintergrund angeht, bleibt Gürsel wohltuend realistisch. Er mag den Tod nicht hat aber gleichwohl ein Einsehen. Es kommt wie es kommt. Warum ich hier so rumschwafel hat auch einen Grund. Eigentlich bin ich zu befangen, um eine Rezension zu schreiben. Wir hatten grad ein „Verfassungsreferendum“ welches die Diktatur in der Türkei nun auch legitimiert. Da sagt sich grad der Türke hier, Erdogan, das ist doch der, der an meiner statt den Bleichgesichtern hier die lange Nase zeigt. Der Mann verkörpert meine ganze heldenhafte Geschichte, meint der Türke hier und schneidet sich durch sein „Evet“ ein Nanonstel Gramm Heldsein ab! Und das durchzieht das ganze Buch, als hätten die Türken nur Helden gehabt in der Vergangenheit, egal, um welchen Scheiß man sich da bekriegt hat. Gut, es ist eine militaristische Karriere die der Vater durchlebt und der Sohn muss sich den Wegen des Hauptmanns beugen, bis er schließlich in einem Eliteinternat in Istanbul landet. Das Ganze ist eine aufgeschriebene Tonbandaufnahme, durchaus authentisch, aber Gürsel, kommt sozusagen „von Höckschen auf Stöckschen“. So richtig konnte ich mich an den relevanten geschichtlichen Ereignissen, wie den Putsch 1960 nicht festhalten, weil im nächsten Satz quasi wieder „ein Zelt gebaut“ wurde, was beim pubertierenden Nedim nächtelanges Onanieren meint. Auch lernen wir seine Geliebte kennen, eine doppelt so alte Schönheit und Mutter eines Klassenkameraden. Das muss man natürlich in Land mit gelebter Doppel- und Dreifachmoral versteckt halten. Ich habe von meiner Tochter vor kurzem ein Buch mit lauter leeren Seiten- aber vielen Fragen - bekommen: Papa, erzähl doch mal…. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da irgendwas reinschreiben will oder werde. Wen interessiert es?  Auch Gürsel hat eine Tochter, mit der er sich aber überworfen hat. Es waren wohl seine ewigen Frauengeschichten. Aber auch Frauenhelden, oder grade die, sterben einsam. In ewiger Trauer über seine zu früh verstorbenen Mutter, seine Freude über das wunderbare Istanbul und seinem Zweifel an dem Hier und jetzt, hinterlässt Nedim Gürsel bei mir eine gewisse Ratlosigkeit: ich weiß wieder etwas mehr über die Türkei ohne ihr näher gekommen zu sein!

 

Die Abbieger
Thomas Schweres, grafit verlag
Alle Achtung vor der Rechercheleistung. Aber doch wohl geboren aus der unmittelbaren Wut oder auch Hilflosigkeit, was die Verkehrssituation im Ruhrgebiet, speziell auf unserem Ruhrschleichweg, die B1, oder später die A40, angeht. Jeder kann davon ein Lied singen. Grad vor einer Woche komme ich am Samstagmittag aus Krefeld und will zurück nach Dortmund. Der Klassiker. Dabei kein pöhlen angesagt, weder die Blauen noch die Schwarz- Gelben. Ich habe ja, wenn es geht, das Navi aus, aber man hofft ja, dass man irgendwie durch dieses Chaos relativ zügig geleitet wird. Am Arsch. Erst fragt mich die freundliche Stimme mit, ob ich wegen der zu erwartenden Verkehrshindernisse nicht umschwenken wolle, um fünf Minuten eher zu Hause zu sein. Ich sag ok, mach mal. So, auf geht’s zur A 42 - um dort eine Stunde zu stehen. Fehlte nur noch, dass sich das Navi noch entschuldigt. Das wäre schon absurd gewesen, aber lustig. So wie der vorliegende Krimi. Also eher eine Krimisatire, oder gar ein Comic, denn man kann sich die hanebüchenen Bilder, die Schweres munter zusammen fabuliert, auch bildhaft vorstellen. Also noch mal Hut ab: wer sich mal von der Selbstverständlichkeit der täglichen Staus löst und das mal hinterfragen will, der ist bei Schweres genau richtig. Zufahrtregulierung, Baustellenausschreibungen, Radaranlagen, Geschwindigkeitsbegrenzungen…etc., alles Willkür? Alles eine Verschwörungstheorie? Steckt da ein System hinter? Fragen über Fragen! Ein angehender kleiner Psychopath und Kaninchenzüchter, mit täglicher Verkehrsinfarkt Erfahrung, nimmt die Sache in die Hand und entführt kurzerhand, zusammen mit einem ähnlich gestrickten Kumpel, den Chef der NRW. Straßen. Eine Landesbehörde mit 5900 Mitarbeitern. Tom Balzack und Georg Schüppe, schon bekannt aus den drei vorherigen Schweres Krimis, tappen lange im Dunkel diverser Kaninchenställe herum. Alles schön bescheuert. Diesmal versucht Thomas Schweres nicht die Weltkonflikte auf das Ruhrgebiet runter zu brechen, er bleibt hier und man merkt, dass er hier wohnt, arbeitet und oft genug Scheiße schreit und aufs Lenkrad haut und dabei seinen Humor nicht verloren hat!

 

Eure Dummheit kotzt mich an
Rayk Anders, verlag dtv premium
Gleich vorneweg: ich habe das Buch sehr genossen und es gerne gelesen. Da ich eh im selben Kulturbetrieb unterwegs bin - zwar habe ich keinen eigenen youtube Kanal, aber doch die Bühne als Forum, sowohl als Veranstalter als auch auf der Bühne - komme ich gleich zum Problem: wir schmoren im eigenen Saft. Mein guter Freund Volker Pispers hat (wahrscheinlich) aufgehört öffentlich aufzutreten, weil er es nicht mehr ertragen konnte, über 30 Jahre exzellent recherchierte Pointen in die vollen Säle tropfen zu lassen, um am Ende zu erleben, dass nichts Konsequenzen hatte. Das gipfelte in einer Art Publikumsbeschimpfung: „Nein, Sie sind nicht gemeint, sie haben ja eine Eintrittskarte für das politische Kabarett!“
So ähnlich ging es mir bei diesem Buch. Wer liest es? Und doch sollten wir nicht zweifeln, nicht aufhören uns zu positionieren. Es nutzt ja nix, denn wenn man gar nichts tut, „machen die da oben, doch eh was sie wollen!“ Deshalb ist vielleicht das große Verdienst dieser Analyse der Beklopptheiten, dass man tatsächlich die Argumente verarbeitet, in sich aufnimmt um sie später mal irgendeinen Deppen um die Ohren zu hauen. Ob der das hören will oder nicht, ist egal. Wir dürfen nicht einschlafen. Für eine weitergehende Lektüre, die man direkt nach diesem Buch lesen könnte, empfehle ich ab sofort Ulrich Grobers „Der leise Atem der Zukunft – vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise!“. Beide Bücher nacheinander und man ist gegen die allgemeine Verblödung doch wieder etwas mehr gewappnet!

 

Der leise Atem der Zukunft
Ulrich Grober, verlag oekom
Für mich jetzt schon ein Standartwerk. Ein Klassiker. Ach ja, ich will eigentlich nur sagen, dass ich total begeistert bin. Wahrscheinlich wird „Der leise Atem der Zukunft“ so ganz pragmatisch als Sachbuch geführt. Für  mich ist es aber wesentlich mehr: eine Bestandsaufnahme, die jeder von uns, und ich meine alle die, die sich um unsere Zukunft Sorgen machen, lesen sollte. Weil es eben nicht in der Art Zukunftsangst herum prahlt wie es heute so in ist. Also zwischen düsteren Katastrophenszenarien oder religiösen oder sonst wie fundamentalistischen blödsinnigen Versprechungen. Das Buch ist vielmehr ein Schlag ins Gesicht aller BWL Schnösel, Neoliberalisten und Wachstumsfanatikern. So, Fred, bei aller Begeisterung, mal langsam. Ich fange mal an von einem anderen Buch zu erzählen: es geht um Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“. Ca. zwei Jahre alt. Das Buch hat mich insofern auch fasziniert, weil es in 70 kleinen Geschichten „Die Welt…voller Wunder“ (DIEZEIT) zeigt. Eine Fragilität der Erde, ein Welterbe, ein Weltwissen, geballte Existenzphilosophie in kleinen und kleinsten Beweisen einer unfassbaren Schönheit rund um den Globus. Und so zerbrechlich wie phantastisch. Ulrich Grober nimmt einen anderen Weg. Er reist nicht um die Welt, er bleibt im Lande und beweist das Gleiche. Nur durch Nachhaltigkeit ist ein Weiterleben möglich. Grober ist ein Wanderer, nicht nur weil er gerne zu Fuß unterwegs ist, sondern Wandern auch als Summe von Gedanken, einer Suche nach Auswegen und Projekten für eine lebenswerte Welt; dahin, wo genau diese Themen gelebt werden. Ob er durch den nördlichen Schwarzwald läuft oder durch das Ruhrgebiet streift, ob er die Endzeit des Autos in Wolfsburg erahnt oder beim Apfelsaftpressen von Genossenschaften in Thüringen die Freude an Gemeinschaftlichen (Allmende) erlebt, ob er Meister Eckhardt in Erfurt aus der Vergangenheit zuhört (In der Ruhe liegt die Kraft) oder dem Unbekannten, der auf der Zeitschiene schon wesentlich weiter ist, aber mal kurz zurückkommt und durch ein Zeitfenster lugt und uns fragt: „Was macht ihr da?“ Ja,  genau! Was machen wir eigentlich?
Grober zeigt tatsächlich dass es funktionieren könnte, wie wir die Sache anpacken könnten. Demütig aber energisch! Grober ist ein Humanist (Achtung Wortwitz)  wie er im Buch steht. Er zitiert die großen frühen Naturphilosophen aus dem f.f. wie Goethe, Herder, Hölderlin, Novalis, Leibniz und wie sie alle heißen, aber auch Nietzsche und immer wieder Walter Benjamin, Adorno oder Erich Fromm. Wieder mal komme ich mir ganz klein vor, aber ich habe die Botschaft verstanden: Gab es schon mal: „Tu was!!!“ Und ich liebe das Ende des Buches, denn es bringt letzte Gewissheiten: „Wir sind Sternenstaub. Wir sind Humus. Die Erde dreht sich weiter“. Aber vorher an die Arbeit!

 

Der Krieg der Enzyklopädisten
Kovite / Robinson, berlin verlag
Ein zerrissenes Buch, welches doch als Ganzes vor mir liegt. Ich habe diese Rezension lange vor mir her geschoben, will sagen, vor vier Monaten schon gelesen. Das zeigt auch, dass ich zwar nicht innerlich zerrissen bin, aber mein Urteil über den „Krieg der Enzyklopädisten“, sehr zwiespältig ist – aber letztendlich von mir doch positiv bewertet wird. Es ist eine neue Form, eine neue Idee ein Buch so zu schreiben. Ich meine nicht die unterschiedlichen Schauplätze, sondern den Mut, zwei Autoren gewähren zu lassen, die bestimmt auch ihre unterschiedlichen Lebensdramen in diesem Buch verarbeitet haben. Wobei die „Bagdad – Einheit“ so deutlich, so beklemmend ist, dass ich davon ausgehen muss, dass einer von den beiden Autoren über seinen Protagonisten Mickey Montauk, tatsächlich im 2. Irakkrieg -, bzw. in den Wirren danach, in Bagdad stationiert war - und dort eine Einheit führte. (stimmt ja auch, wie ich dem Umschlag entnehme) Der „zu Hause“ gebliebene Halifax Corderoy hat vergleichsweise harmlos mit der üblichen Perspektivlosigkeit seiner (so in den späten Zwanzigern) Generation zu tun und reibt sich zwischen Drogen, Alkohol und Selbsttäuschungen vollkommen auf. Dabei fehlt es ihm nicht an Träumen wie alles besser gehen könnte, aber seine mentale und körperliche Trägheit, in Studium und/oder Beziehungen, sind eben grenzwertig. Eigentlich sind die Enzyklopädisten ursprünglich ein hochintelligentes Duo , eben Hal und Mickey (dazu gesellt sich die dritte Protagonistin Mani), deren Ziel es ist, irgendwelche Mottoparties zu veranstalten. Dazu haben sie einen ziemlichen verrückten Wikipädiabblog, der auch als Nebenstrang ihr verkorkstes Leben, klug  und hintergründig kommentiert. Ich empfehle mal dieses Buch all denen, die auch den „Fänger im Roggen“ oder als Film „Die durch die Hölle“ mit Robert de Niro mögen, denn, jetzt kommt es wieder, seit langem habe ich kein Buch mehr gelesen, welches so deutlich die Zerrissenheit, einer jungen Generation in den Staaten  (so ab dem Jahr 2003) beschreibt. Trotzdem nur 4*!

 

Widerfahrnis
Bodo Kirchhof, Frankfurter Verlagsanstalt
Bodo Kirchhoff ist ein Meister der Beschreibung des schleichenden Unbehagens. Erst freut man sich mit den Protagonisten,  über ein vermeintliches Glück, das beiden, Julius Reither und Leonie Palm, Mitte der zweiten Halbzeit ihrer gelebten Leben und Dramen, verstörend zufällig zufällt, welches sich dann aber im Laufe dieser kleinen Flucht, na, sagen wir mal, relativiert. Aus einem kalten Dorf, im ausgehenden Winter in Österreich brechen die beiden, einer Eingebung zufolge, im Auto auf nach Süden und landen tatsächlich nach drei Tagen in Sizilien. Leonie Palm, so der Name seiner Begleiterin, hatte ein Hutgeschäft und sich daran gesetzt, einen Roman zu verfassen. Sie ringt sich durch, diese Blattsammlung zu Reither, dem ehemaligen Verleger zu bringen, der seine Verlagstätigkeit aufgab, weil er das Gefühl hat, dass es zunehmend mehr „Schreibende“ als „Lesende“ gäbe und somit die Qualität insgesamt leide. Wie gesagt, noch nach ihrer ersten Begegnung brechen sie auf. Unterwegs, und das ist die Stärke des Buches, kommt es zu seltsamen Ereignissen, die an sich betrachtet nichts Besonderes sind, aber im Kontext der heutigen Zeit, bewegen. Auf einem toskanischen Rastplatz kommt es zu einer lauten Auseinandersetzung zwischen einer Flüchtlingsfamilie und einem deutschen Wohnmobilbesitzer, der seinen Hund am liebsten von der Kette lassen würde, weil, und jetzt kommt es, die Flüchtlinge angeblich den Hundenapf leer gegessen hätten. Für mich eine unglaubliche Szene. Auch auf dem weiteren Weg und schlussendlich in Sizilien, werden sie in Gestalt eines schweigenden Mädchens, mit allem konfrontiert, was die Anfälligkeit unserer ach so sicheren Existenz ausmacht. Ein Roman, oder Novelle über die Möglichkeiten - und des noch mehr möglichen Scheiterns der Liebe. Über Grenzen der Mitmenschlichkeit und das Alter.  Ein Meisterwerk!

 

Weinhebers Koffer
Michael Bergmann, edition kategat
Die Geschichte fängt ein wenig an wie Michael Endes Unendliche. Ein junger deutscher Jude, namens Elias,  findet (in unserer Gegenwart) bei einem Berliner Trödelhändler einen interessanten alten Lederkoffer mit den Initialen L.W.. Neugierig geworden, ertastet  er in einer Ritze dieses Lederfossils einen Brief, der ihn auf die Spuren eines gewissen Leonard Weinhebers führt. Er recherchiert und findet heraus, dass dieser Weinheber ein Schriftsteller und Künstler war, der 1939 vor den Nazis, quasi im letzten Augenblick, fliehen konnte. Er wollte Palästina erreichen, wo seine junge Geliebte sehnsüchtig schon auf ihn wartet. Er erreichte also Marseille um nach Jaffa in Israel zu gelangen. Danach wird es rätselhaft auch für Elias Ehrenwerth, denn außer diesem Koffer, scheint es kein Lebenszeichen mehr von Weinheber zu geben. Elias fliegt schließlich nach Israel, um zumindest die Fährte aufzunehmen, die er in dem Brief gefunden zu haben glaubt. Er sucht also nach Weinhebers  Freundin und stößt in Kibbuzim und Seniorenresidenzen auf Bekannte  der Geliebten. Hier wird auch die zweite Ebene des Buches überaus interessant und lehrreich. Der Palästinakonflikt mit all den verzwickten Entwicklungen nach 1948. Die Ursache von Extremismus, Perspektivlosigkeit auf der einen und der ewige Kampf Israels um die vorgebliche Rechtlichkeit seiner Existenz. Ein gutes, leicht zu lesendes Buch, geschichtsträchtig und gleichzeitig von hoher Aktualität. Sehr empfehlenswert!

Lieblingsbucher

... der letzten Jahre:

 

 

2003:

Der Schatten des Windes
von Carlos Ruiz Zafon

2004:

Nachtzug nach Lissabon
von Pascal Mercier

2005:

Der Klang der Zeit
von Richard Powers

2006:

Der lange Weg
von Joseph Boyden

2007:

Die Lage des Landes
von Richard Ford

2008:

Krematorium
von Rafael Chirbes

2009:

Frau Sorgendahls schöne weiße Arme
von Lars Gustrafson
und
Empörung
von Philipp Roth

2010:

Die Kunst stillzusitzen: Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung
von Tim Parks
und 
Die Bücherdiebin
von Markus Zusak

2011:

Ein all zu kurzes Leben - Robert Enke
von Ronald Reng

2012:

Fliehkräfte
von Stefan Thome

2013

Die Abenteur des Joel Spazierer
von Michael Köhlmeier

2014

Winterjournal
von Paul Auster

2015

Der Distelfink
Donna Tartt

2016

Am Ende bleiben die Zedern
von Pierre Jarawan
und
Bonita Avenue
von Peter Buwalda

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