Bucherkiste

Bücher 2010

Süchtig nach dem Sturm
Norman Ollestad, Verlag S. Fischer
Mein (kurzes) Leben als Sohn
Sorry, dass ich hier frei Philip Roth grandiosen Vater-Sohn Roman zitiere, bzw. den Titel. Aber da endet auch schon der Vergleich. Roth sieht zwar auch seinen Vater sterben, der ist allerdings hoch betagt und das Sterben gehört nun mal zum Leben dazu. Bei Norman Ollestad ist es aber ein Flugzeugabsturz, der den 43 Jahre alten Vater unseres Autors, jäh aus dem Leben reißt. Und nicht nur den. Einziger Überlebender ist Norman, eben der Sohn und Autor (dieser Biographie?). Und zum Zeitpunkt des Unglücks grade mal 11 Jahre alt. Was er allerdings bis dahin mit seinem Vaterhelden erlebt ist schon eine starke Nummer und typisch amerikanisch aufgeblasen. Normans Vater ist so eine Mischung aus Robert Redfort und Bode Miller (Abfahrtsgold), Wayne Gretzky (kanadischer Eishockeystar)  und Robby Naish (24 - facher Surfweltmeister) Selten habe ich in einer Beschreibung des eigenen Vaters eine solche Verklärung gesehen. Wenn wir alle so einen Übervater hätten, man, wie sähe die Welt aus. Hier haben wir das südkalifornische pralle Leben, wo man morgens die Santa Monica Mountains hoch rast, um die irrsten Pulverschnee Erlebnisse zu haben um dann abends noch die perfekte Welle im Pacific zu erleben. Dann eben noch Eishockey Team mitnehmen und das alles vor dem 11. Geburtstag. Was für eine Kindheit.

Nun, wollen wir neidisch sein? Eher nicht. Obwohl, es ist schon ein Drama, wenn man als 11 jähriger - und dann als einziger - einen Flugzeugabsturz überlebt, in 2600 Metern Höhe, und bei dem Norman nach dem ersten Erwachen ungläubig und nach und nach feststellt, dass sein Vater tot ist.  Aus diesem unwirtlichen steilen Gelände rettet er sich. Das sind auch die stärksten Momente des Buches. Klug aufgebaut in zwei Handlungssträngen, eben auf der einen Seite, Norman, unter dem ständigen ( aber positiv dargestellten) Druck seines Vaters Höchstleistungen zu bringen, und die intensive Selbstrettung aus übelster Notlage.  Zum Zeitpunkt des Absturzes treffen sich die beiden Ebenen und dann quält sich das Buch durch eine südkalifornische Pubertät mit den üblichen Themen. Hier nur geprägt von dem Leben am Meer. Zuvor gehen wir noch auf eine Reise durch Baja California, übersetzen dann in die Dschungelregionen Mazatláns  und besuchen Normans Großeltern in Puerto Vallarta. Da kamen Erinnerungen hoch, denn Ende der siebziger war ich selbst mal dort und konnte sogar einige der Reisebeschreibungen gut nach vollziehen. Junge mexikanische federals, höchstens 15 oder 16, mit MP im Anschlag und willkürliche Straßensperren, um Gringos aus zu nehmen. Wir brauchten uns damals nur als Alemanos zu erkennen geben, brauchten hierfür nur das Stichwort Beckenbauer, schon waren wir durch. Aber eben in Mexico gibt es diese big waves , weil sich der Pacific aus unendlichen Tiefen plötzlich an den Strand wirft. Und durch eine dieser sogenannten Tubes surft Norman vor den Augen mexikanischer Eremiten und wird dort kurzfristig als Gottgesandter angehimmelt. Alles in allem ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss.

 

Oktoberfest
Christoph Scholder, verlag droemer
Wow. Was für ein Roman, was für ein Debüt. Ich muss sagen, der Christoph Scholder hat mich mit seiner Romanidee gefesselt. Obwohl, ein wenig erinnerte mich das an Haslingers "Opernball", na ja. Es sind diese Begrifflichkeiten, die sofort eine Aura entwickeln, eine Vorstellung von Menschengewaber, Eisbein, Maßkrüge, eben München, Oktoberfest. Jedes Jahr mehrere Millionen Besucher und ich hätte sogar auch mal Lust. Aber nach diesem Buch? Ich schlage vor, man bucht eine Pension, meinetwegen am Starnberger See, oder gleich mitten in München, und fängt an zu lesen. Und ich denke, so schnell legt man das Buch nicht aus der Hand. Ein ganzer Tag Oktoberfestbesuch als Geiseln zu nehmen, das ist schon ein starkes Stück. 70 000 Menschen in Bier - Zelten fest zu setzen und der Bundesrepublik eine Nase zeigen. Ich liebe Prosa, die mit der Wahrscheinlichkeitsgrenze spielt, und je näher sie an der Realität ist, gleichwohl fiktiv bleibt, um so besser wird sie. Irritiert hat mich die Namenswahl eines russischen Soldaten, eines Hauptmanns einer früheren Eliteeinheit, der bei dieser Aktion gegen Deutschland, mit dem Ziel, Rohdiamanten im Wert von 2 Milliarden zu erpressen, federführend ist. Oleg Blochin. Da werde ich als Fußballer natürlich hellhörig. Oleg Blochin war nicht nur ein erfolgreicher russischer Nationalspieler, sondern auch Europas Fußballer des Jahres 1975. Aber der 1967 geborene Autor kannte den Mann wohl nicht, und irgendeine Kausalität zu den Ereignissen auf der Festwiese, kann ich auch nicht erkennen. Da geht es nicht um Fußball. Da wird eine Demokratie in den Grundfesten erschüttert. Irgendwie schien die Romanidee schon lange zu schwelen, denn wenn es in der Story um Bundeskanzler oder Außenminister geht, hat man Schröder vor Augen, oder Fischer. Aber eben nicht Merkel und Westerwelle. Und trotzdem hat dieses Deutschland auch noch Kerle die sich in den Weg stellen. So ein James Bond neueren Typs, mit dem Allerweltsnamen Müller, nimmt den Kampf auf. Dazu wird alles garniert, das muss wohl so sein, mit einer kleinen Liebesgeschichte, Rettungen in letzter Sekunde, geheimste Geheimdienste und natürlich Familiendramen. Bei allem, bleibt man aber wohltuend nah an der Geschichte, die sich spannend von Seite zu Seite entwickelt, sich von kleineren - zu mittleren - und endlich zu ganz großen Höhepunkten steigert. Und immer wieder fragt man sich, ist das nicht genau so möglich? Schließlich war das Oktoberfest schon mal Anschlagsziel und wer erinnert sich nicht an München 1972. Die Welt ist so krank geworden, und ich gebe deshalb keinen Pfifferling auf die internationale Soldateska, in diesem Fall wieder mal aus dem Osten, aber egal. Diese Jungs sollten a priori in dem Verdacht stehen, irgendwann durchdrehen zu können um sich dann die Welt nach ihrem Sinn neu durch zu deklinieren. Begriffe wie Ehre, Vaterland, Heimat sind auch heute bei weitem nicht frei von Ballast des letzten Jahrhunderts und der Weltfrieden steht uns nun mal überhaupt nicht bevor. Im Gegenteil. Öl, Wasser und weitere Ressourcen geben eher einen Grund darüber nach zu denken, was der Mensch für Waffen entwickelt hat, und wer in der Lage ist sie einzusetzen. Keine Weltpolitik jetzt, wir haben einen klasse (Männer-) Roman vorliegen, den ich einfach nur empfehlen kann, und bei dem ich den Film, während des Lesens schon in Gedanken gedreht sah. Ich weiß auch schon wer Oleg Blochin spielt: Brad Pitt, sein westlich orientierter Gegner: Daniel Craig! Oder umgekehrt, ist egal!

 

Der Sünde Sold
Inge Löhning, verlag ullstein
Guter Sommerkrimi für Strand und Eckbank
Ein grundsolides Krimidebüt liegt mir hier mit diesem munteren Taschenbuch vor. OK, wir haben ein paar mankellsche Elemente, wie den Kommissar mittleren Alters, der mehr seinem siebten Sinn folgt, als die Dinge einfach oberflächlich zu bewerten. Der sich einsam seine Mahlzeiten zu bereitet und von einer Beziehung träumt und der das Verhältnis zu seinem Vater, der gerade 70 wird, noch nicht geklärt hat. Auch ist mir der Einstieg in diese Geschichte etwas zu bekannt. Geht es da im Prolog um viel psychopathologisches, um Grausamkeiten die an Kindern begangen wurden und die sich heute in Wahn und verdrehter Wirklichkeit äußern – hochaktuell durch die Missbrauchanklagen die just unser Land heimsuchen (aber wie wir wissen schon immer da waren – so ist eben Kirche)  - und eben die Grundlage für diesen Krimi bieten. Trotz allem liest sich das Buch spannend und man wird von dieser Geschichte mitgerissen, weil man, trotz unverhältnismäßig vieler Toter, endlich den, oder die Schuldigen, gefasst lesen will. Kommissar Dühnfort und sein Team, alle auch mit kleinen Päckchen versehen, die ihnen das Leben erschweren, ermitteln zäh aber eben auch lange erfolglos, bis ihnen irgendwann der Durchbruch gelingt. Garniert wird das Ganze von einem zarten, na sagen wir Flirt, von Dühnfort und Agnes, die ihren Ehemann und Ihre Tochter bei einem tragischen Brand, vor kurzem verloren hat. Auch Agnes ist auf der Suche nach sich selbst und erlebt Rückschläge, die man sich auch nur in einem Roman vorstellen kann. Also, der kleine idyllische bayrische Herbstort Mariaseeon, ist Schauplatz einer Tragödie, von der man im wahren Leben in der Bildzeitung lesen würde: Horrorkiller am Werk, wer ist die Nächste? Sei’ s drum. Passt schon

 

In weisser Stille
Inge Löhning, verlag ullstein
Noch ein guter Sommerkrimi für Strand und Eckbank
Nach ihrem grundsolides Krimidebüt (Der Sünde Sold)  liegt mir hier ein weiteres spannendes Taschenbuch vor. Auch hier fällt mir die Nähe zu einem großen Vorbild auf, denn wir haben ein paar mankellsche Elemente, wie den Kommissar mittleren Alters, der mehr seinem siebten Sinn folgt, als die Dinge einfach oberflächlich zu bewerten. Der sich einsam seine Mahlzeiten zu bereitet und von einer Beziehung träumt und der das Verhältnis zu seinem Vater, der gerade 70 geworden, noch nicht ganz geklärt hat. Auch im neuen vorliegenden Fall geht es um viel psychopathologisches, um Grausamkeiten die an Kindern begangen wurden und die sich heute in Wahn und verdrehter Wirklichkeit äußern. Man wird von dieser Geschichte mitgerissen – allerdings nicht ganz so dramatisch wie im Debütroman - weil man endlich den, oder die Schuldigen, gefasst lesen will. Kommissar Dühnfort und sein Team, alle auch mit kleinen Päckchen versehen (hier ein Krankheitsverdacht, da eine unglückliche Liebe), die ihnen das Leben erschweren, ermitteln zäh aber eben auch lange erfolglos, bis ihnen irgendwann der Durchbruch gelingt. Garniert wird das Ganze von der sich fast vertiefenden Beziehung von Dühnfort und Agnes, die ihren Ehemann und Ihre Tochter bei einem tragischen Brand, vor kurzem verloren hat. Auch Agnes ist immer noch auf der Suche nach sich selbst und erlebt Rückschläge in ihrem Standing und auch sie muss bitter einsehen, dass sie für eine neue Beziehung noch nicht die Richtige ist. Pech für Dühnfort, der allerdings überreagiert. Mal sehen ob sie irgendwann zueinander finden. Es wird nicht der letzte Krimi von Inge Löhning sein. Im vorliegenden Fall wird eine an eine Heizung gekettete Leiche gefunden, qualvoll verdurstet, bewusst so ermordet. Ein Familiendrama deutet sich an und wird mit zunehmender Seitenzahl immer offenbarer. Vielleicht ein wenig zu viele sidefills die dem Roman im Ganzen nicht gut tun. Sei’ s drum. Passt auch.

 

Cash
Richard Price, Verlag S. Fischer
Es ist wie wohl so, wie ich mir einen guten New York rap (Gangsta rap?) vorzustellen habe.
Dieser Roman ist nicht leicht. Man kommt schwer rein. Ich rate allen, die durchhalten wollen, - denn es lohnt sich - sich Notizen zu machen. Also aufzuschreiben, wer, wer ist. Und dazu die Rolle, die gespielt wird. Nach und nach schälen sich Hauptpersonen raus, die Detectives Matty, familiär und beruflich angeschlagen, allerdings gibt er nicht auf - und die zynische Yolanda. Ihrerseits desillusioniert aber weiterhin kämpferisch auf ihre Art. Dazu ein Haufen Beamte aus dem Bezirk. Wie gesagt, Namen notieren. Und dann die andere, die dunkle Seite des Viertels. Die Typen, die Gangs, die Führer, die Loser, die Latinos, diese unglaublichen Spitznamen, etc. Es geht um einen Mord: drei Zecher verlassen eine Bar, unter ihnen Eric Cash, sie werden überfallen, und einer der drei, Ike, wird nach seinen letzten Worten – Heute nicht, mein Freund – über den Haufen geschossen und in der Folge beginnt die zähe Ermittlung. Zuerst wird Eric Cash selbst verdächtigt und ausgequetscht, nicht grad gefoltert, aber fast, bis die ermittelnden Beamten eingestehen müssen, dass er es nicht war. Weiter geht die  zermürbende Suche. Ganz anders als in den bekannten New York Krimis, wird hier ganz nah am Menschen ermittelt. Eine großartige Sezierung gesellschaftlicher Realität auf kleinstem Raum. Eine nahe Sprache, man glaubt man steht daneben. Man riecht die verpissten und stinkenden Flure durch die sich die Ermittler quälen. Es ist alles so eng, dass man Atemnot kriegen könnte. Und es ist so konsequent chronologisch, wir kennen als Leser zwar die Täter, aber können nicht helfen, den Knoten zu lösen. Man ist zwar immer drauf und dran das Buch zu Anfang weg zu legen, aber dann fesselt es nach und nach. Eine ganz neue Sprache, wie gesagt, ein SnoopDogg -, Eminem Rap, aber als Prosa. Gewöhnungsbedürftig aber gelungen.

 

Einfache Gewitter
William Boyd, Berlin Verlag
Adam Kindred erlebt Murphys Gesetz am eigenen Leib. Und zwar so dramatisch, dass so etwas nur in einem Roman vorkommen kann. Das ist vielleicht ein Kritikpunkt an dieser Story, denn so viel Zufälle, bzw. diese Anhäufung von spektakulären Szenerien, kann eben nur der Roman leisten. Aber der ist spannend. Das ist die Hauptsache. Wir begleiten Adam vom ersten Moment seiner Krise bis zu seinem, sagen wir „happy end“ ohne viel zu verraten.

Der Diplom Meteorologe Kindred kommt nach London um ein Bewerbungsgespräch zu führen. Dazu kommt es auch, und er wäre auch eingestellt worden, wenn nicht, tja, wenn nicht diese Kette von unvorstellbaren Ereignissen, ihn zwingen würde, in den Untergrund zu gehen. Er schafft genau dies, und agiert fortan aus seinem Unterschlupf unter der Chelsea bridge. Aber er wird natürlich von Anfang an gejagt, denn er ist, wiederum zufällig, in den Besitz brisanter Informationen gekommen. Also ist nicht nur die Polizei hinter ihm her, denn ihm wird ein Mord angehängt, sondern auch ein ehemaliger Söldner der ihn ebenso jagt. Die globalisierte Pharmaindustrie, mit ihren fragwürdigen Patent- und Zulassungsproblemen, agiert im Hintergrund und man ahnt es schon, die gehen über Leichen. Denn es geht um zu verdienende Milliarden, die bei der Freigabe eines Asthmamittels fließen würden, wenn nicht in der Erprobungsphase, 14 tote Kinder im Weg stehen würden.

Wie gesagt, dass ist alles sehr spannend gemacht, und man geht den Weg mit Adam gerne, will man doch mit ihm zusammen, diese skrupellosen, globalen Hyänen, zur Strecke gebracht sehen.

 

Der Feind im Schatten
Henning Mankell, Zsolnay
Diese Kritik kann man kurz halten. Wer mit Mankell (bzw. Kurt Wallander)  alt geworden ist, und irgendwann angefangen ist, mit  z.B. Mörder ohne Gesicht  bis hin zu Die Rückkehr des Tanzlehrers, all seine Sidefills genossen hat, wie Der Chinese oder Die Tiefe und sich auch noch mit seinen afrikanischen Dramen angefreundet hat, der wird auch Der Feind im Schatten mögen. Ja, es ist sogar ein Muss! Denn wir erleben die langsame Auseinandersetzung mit dem Alter von Kurt Wallander so hautnah mit, dass es weh tut. Wir müssen uns also von der geliebten Hauptperson verabschieden, wir haben alle Höhen und Tiefen mit gemacht, von seiner gescheiterten Ehe mit Mona, von seiner Tochter Linda und ihrer Karriere und all den pubertären Schwierigkeiten, wir haben uns mit Beiba, seiner Geliebten aus Riga gefreut, und erlebten bestürzt wie Wallanders Vater senil und verbittert, die ewig gleichen Bilder malte und starb. Nun ist Wallander grad mal sechzig, aber er merkt, dass irgendwas nicht stimmt. Doch zum Buch: Der Feind im Schatten ist eine Agenten U-Boot Story, die so mit läuft; ich habe sie quasi nebenbei akzeptiert und nur halbherzig die Geschichte von Håkan von Enke, seiner Frau Louise, die zukünftigen Schwiegereltern seiner Tochter Linda, die übrigens ein Töchterchen namens Klara bekommt und somit Kurt zum Opa macht, mitgenommen. Vielmehr habe ich die Gedankenwelt von Wallander, manchmal auch etwas beklommen, genossen. Man zieht sogar Vergleiche. Was ist wenn ich so alt bin? Und eigentlich ist doch sechzig Jahre überhaupt –noch kein Alter-? Aber die Zeichen mehren sich und münden tatsächlich bei dem Kommissar  in so genannten  black outs und zeigen eine mögliche Demenz an. Das ist, wie gesagt, beklemmend, freut man sich doch über Wallander und seinem Entschluss mit seinem neu erworbenen Haus am See und seinem Hund  Jussi, alt zu werden. Wallander ist trotz allem in der Lage, diese verworrene Agentengeschichte nach und nach zu entzerren. Aber es strengt ihn unheimlich an. Als ich am Ende  schon ahnte, wie der Roman seine Auflösung erfährt, war es, wie jetzt schon mehrmals gesagt, gar nicht so wichtig.
Das Buch von Mankell lebt von Kurt. Und Mankell lässt es sich nicht nehmen, in einem Epilog und einem Nachwort, das Krankheitsbild von Wallander schlimm zu präzisieren. Tschüss Kurt, Danke Henning Mankell. Mach mit Linda weiter!

 

Malibu
Leon de Winter, diogenes
Dieses Buch von Leon de Winter würde ich mal als philosophischen Schicksalsroman bezeichnen. Denn es scheinen zwischen den Seiten und Zeilen immer die großen und letzten Fragen durch: was hält die Welt im innersten zusammen, warum passieren Dinge, gibt es den Zufall, was ist vorherbestimmt und natürlich, gibt es einen Gott? Wer sich sowieso schon mal mit all diesen Fragen beschäftigt hat, und daran nicht zerbrochen ist, denn auf all dies kann es keine Antwort geben, der findet mit Leon de Winter und vor allem in diesem Roman eine zwar verstörende, aber doch große Literatur.

Der Roman hat mehrere Ebenen und Joop Koopmann, die Hauptperson taumelt dazwischen hin und her. Hat er sich grade mal gedanklich auf etwas eingelassen, zum Beispiel ein Herz zu suchen, dann kommt ein Anruf aus einer Agentenwelt, und wenn er sich mal grad da aufhält, fliegt die buddhistische Weisheit und verdreht ihm völlig den Kopf. Alles fängt an mit dem plötzlichen Unfalltod seiner geliebten 17 jährigen Tochter – davon erholt er sich nicht, und will es auch nicht wirklich. Es fällt ihm schwer, den Kopf über Wasser halten, ganz einfach weil die Situationen und Dramen, die er erlebt, einen völlig kirre machen. Fast möchte man ihm beispringen bei all dem, und sagen, tu dies und das nicht. Zum Beispiel das besagte (transplantierte Herz) seiner Tochter suchen. Das Buch ist voller Symbolik, trefflichen physikalischen und philosophischen Andeutungen und stellt nicht zuletzt, die alles entscheidende Frage, nach dem Sinn des Lebens. Oder besser: was soll das alles? Gut! Denn darauf habe ich glücklicherweise auch keine Antwort!

 

Der Vormacher
Ferdinand Delcker, Atrium Verlag
Man nehme Henri Hiller ( was soll die Nähe zu Henri Miller?) einen dieser fiesen aber notgeilen, egozentrischen Werbewiderlinge, die nicht erwachsen werden, so um die 40; ein Mäuschen das zu Hause wartet und ein Kind möchte, eine verhärmte Schwiegermutter, eine Prise trivialer chinesischer Weisheiten, deftige bis saftige sexistische Träume und Erlebnisse, dazu eine Art lebensbedrohende Diagnose bei dem Mäuschen und dann geht die Jagd nach Theodora los. Denn auf die ist unser Hiller dermaßen schwanzgesteuert scharf, dass aller Verstand aussetzt. Und ausgerechnet das kommt ihm in seiner Werbeklitsche noch zu Gute, denn sein Chef erwischt ihn im Büro wo er sich grade mal von Linda, auch so eine Büromieze, einen blasen lässt. Da fragt sich der Chef doch, was habe ich in meinem Leben falsch gemacht? und übergibt die Firma an eben diesen Hiller. Der weiß kaum wie ihm geschieht, und dann noch folgendes (soll ja ein modernes Märchen sein), wenn sie nicht gestorben sind (!) dann leben sie noch heute. Ich will zwar keinen Plagiatvorwurf los werden, aber wenn jemand dieses Thema noch mal ein wenig literarischer angehen will, so empfehle ich „Mitten ins Gesicht“ von Kluun im Fischer Verlag. So!

 

Letzte Nacht in Twisted River
John Irving, diogenes
Nehmen wir an, ich komme mit einem Bekannten über Bücher ins Gespräch und er würde fragen, was ich grade lese. Ich würde ihm sagen, ich hätte grad den neuen Irving zu Ende gebracht. Er: Irving? Ich: Ja, du kennst John Irving nicht? Nie gehört von Garp, oder -Gottes Werk und Teufels Beitrag- oder - Owen Meany-? Er: Nein?! Was schreibt der denn so? Ich: vergiss es, denn wenn Du die oben als Beispiel aufgeführten Werke nicht gelesen hast, dann lohnt es sich gar nicht erst, dass ich Dir von -Letzte Nacht in Twisted River- erzähle. So, das wäre so ungefähr der Dialog und es sagt schon alles. Als Jahrzehnte langer Irvingfan, wird man nach einer Durststrecke, die mit – Witwe für ein Jahr – anfing und bei mir bis – Bis ich Dich finde -  ging, fühle ich mich endlich mal wieder durch einen Irving ruhig gestellt, allerdings gleichzeitig wehmütig! John Irving hat in – Twisted River – noch einmal alles in die Waagschale geworfen, was ihn in seinem Literatenleben so individuell auszeichnete. Die Kausalität von Ereignissen die Jahrzehnte später durch irgendein anderes Ereignis ihre Bestimmung finden. Ich habe alle seine Lieblingsthemen wiedergefunden, seine sportlichen Vorlieben wie Squash und Ringen, auch tauchen Elemente aus all seinen Büchern auf wie die tätowierte Lady Sky (Bis ich dich finde) seine Vorlieben für absurde Tiere, vor allem die Bären, und noch absurdere komische Situationen, die bei Twisted River in einer gusseisernen Pfanne ihren Höhepunkt finden. Nach diesmal recht angenehmen ca. 135 Seiten, kommt der erste Plot und die gusseiserne Pfanne wird zum zweiten Mal eingesetzt, nachdem sie 10 Jahre zuvor Teil einer Bärenverjagung war. Die Figuren dieser über 700 Seiten Geschichte, wachsen einem tatsächlich ans Herz, zumal man immer wieder glaubt mit oder in dem Schriftsteller Daniel, Irving selbst zu erkennen. Also man fängt an zu glauben, hier läge eine Art Autobiographie vor, was Irving selbst wohl entschieden zurückweisen würde. Er lässt auch Autorenkollegen zwischendurch auftauchen, wie den genialen Kurt Vonnegut, oder John Cheever und nicht zuletzt Salman Rushdie. Sein Meisterstück ist aber das Ende, denn mit dem ihm eigenen Stil beschreibt er, wie er Romane schreibt, exemplarisch das Vorliegende. Denn am Ende, wie gesagt, macht er sich über den ersten Satz eines Romans Gedanken und tatsächlich, es ist der erste Satz aus dem Buch -Letzte Nacht in Twisted River-.
 

Mein Leben als Sohn
Philip Roth, Verlag – dtv
Als „alter“ Philip Roth fan habe ich ja in den letzten Jahren kein Buch vom Altmeister versäumt. Auch sein letzter Roman (Empörung) hat mir sehr gefallen. Und wenn einer nach John Updike noch ein Nobelpreiskandidat ist/war, dann auf jeden Fall Philip Roth. „Mein Leben als Sohn“ hatte ich bislang immer vor mir her geschoben, vielleicht weil ich das Thema für mich persönlich uninteressant fand, also das langsame Sterben eines Übervaters, den ich zum Beispiel  nicht hatte. Mein Vater war ein netter, fleißiger Arbeiter, der uns liebte, wie es sich gehört; der einer Generation voller Entbehrungen angehörte und der nach der Schicht noch irgendwo schwarz weiter werkelte. Ein großer Bastler, sein Spitzname war „Werner, der Fuchs“. Aber sonst? Ich habe mich früh von meinen Elternhaus gelöst (lösen müssen), aber ich denke, ich war Ihnen, solange sie lebten, ein guter Sohn. Nun hatte ich das zweifelhafte – Glück -, dass meine Eltern sehr früh verstarben, es gab keine jahrelange Bettlägerigkeit, keine Altenheime und keine notwendige Pflegeversicherung. Ich hole so weit aus, weil Philip Roth das fast vollkommene Gegenteil beschreibt und aus heutiger (und deutscher) Sicht, ist diese wahre Geschichte, die vor 20 Jahren zum ersten Mal erschienen ist, wie ein Relikt aus der Steinzeit. Roth nimmt uns mit in eine Selbstverständlichkeit des „kümmerns“ um die Altvorderen. Das Herman Roth, also sein Vater, sein Leben lang ein Hüne war, ein 100% Amerikaner, ein guter Ehemann und praktizierender Jude, also alles, was einen gestandenen Mann des 20. Jahrhunderts in Amerika ausmacht, ist a priori klar. Nun ist aber Herman Roth 86 Jahre alt und da kommen doch aus meiner heutigen Sicht ein paar Sachen zusammen: 1. sein Vater lebte schon länger als Männer im Allgemeinen werden und 2. sind die Gebrechen in dem Alter ja fast schon normal. Aber Philip Roth will sich mit dem Sterben seines Vaters nicht abfinden, und auch Herman selbst kann nicht loslassen. Wenn die Zeit kommt, dann kommt sie eben, sag ich mal pragmatisch. Aber Philip Roth nimmt uns mit auf Reisen durch seine Jugend, immer hat das irgendwas mit seinem Vater zu tun, mit dem, wie er früher war und wie gebrechlich er jetzt ist. Dieses entsetzliche älter werden, oder das Altsein, stand nicht auf Philips Stundenplan und er muss sich da rein kämpfen. Muss den Abschied lernen. Hörst sich mit dem Vater gemeinsam an, was mit einem Mann der 86 Jahre alt ist, passieren kann, wenn der festgestellte Hirntumor, operiert wird. Wie selbstverständlich da um das Leben des Vaters gerungen wird, die Familie immer an der Seite. Mein Leben als Sohn ist ein Buch voll tiefer Menschlichkeit, von der persönlichen Unsicherheit im Umgang mit dem Abschied, und es birgt einen gewissen palliativen und Hospiz ' Ansatz, bei dem die Angehörigen, und hier eben Philip seinem Vater, beim Abschied nehmen, bis zum letzten nah sind.

 

Der Jukeboxmann
Ake Edwardson, verlag claasen
Edwardson gehört zu den führenden schwedischen Krimiautoren und steht in einer Reihe mit Arne Dahl oder Henning Mankell. Wie bei vielen seiner Thrillerautorkollegen scheint er sich nicht auf ein Genre festlegen zu wollen, auch um mindestens einmal zu zeigen, dass er zu anderer Prosa fähig ist, bzw. mehr Talent in ihm schlummert.

Heraus kommt meist was völlig unerwartetes, denn wie gesagt, auch in diesem Fall ist es kein Krimi, sondern es ist ein bewegendes Zeitdokument. Wir schreiben das Jahr 1963 in der schwedischen Provinz. Die Ermordung Kennedys erlebt Johnny, der Jukeboxmann, in einer Bar namens Detroit. Wie immer repariert er an einer Jukebox rum. Das ist sein Job. Es scheint, es war schon immer so, und es wird immer so bleiben. Doch auch hier macht der Lauf der Zeit, der Wandel die Dinge, der Einzug der Moderne, nicht halt. Fast zärtlich beschreibt er die Modelle an denen er herumzaubert; exzellent recherchiertes Material, eine Wurlitzer ist für ihn etwas Heiliges. Meine eigenen Erinnerungen kamen hoch. Die erste Eisdiele, die ersten Kneipen, überall standen diese Geräte, mit Singles mit A und B Seiten, oder die Geräte hingen an der Wand und für ein paar Pfennig konnte man sich -We can work it out - oder -The last time- spielen lassen. Erst durch dieses Buch verstehe ich, dass jemand dahinter gestanden haben muss. Wenn eine Platte ununterbrochen gespielt wird, dann muss jemand sie auswechseln. Dieser Jemand muss ein Gespür haben, was sein Klientel als nächste drücken will und er reist an, wenn das Gerät kaputt ist. Er ist über die Hitparade informiert und er wird von der Plattenindustrie beliefert. Es gab einen Deal mit dem Barbesitzer, also ein Prozentdeal, wohl ähnlich wie heute die Geldautomaten, und man kannte sich. Fuhr immer die gleichen Strecken ab – war per Du mit dem Wirt und seiner Familie. Und wenn sie nicht gestorben sind…! Aber nichts da. Edwardson versteht es, uns den Wandel am Beispiel dieses bisher völlig unbehandelten Themas höchst gefühlvoll näher zu bringen. Keine Leichen, keine Gewalt, keine großen Tränen. Es ist so wie es ist. Und Johnny, so heißt unser Jukeboxmann, nimmt lakonisch zuerst den Kampf auf, sieht aber frühzeitig ein, das er nicht gewinnen kann. Ein zutiefst melancholischer Roman. Ich sage einfach mal – Danke - dafür!

 

Mensch ohne Hund
Hakan Nesser, verlag btb
Was für ein grandios komponierter Roman. Und obwohl man die Ausgangsposition schon leidlich zu kennen glaubt, versteht es Nesser immer noch einen drauf zu setzen. Eine Familientragödie bahnt sich langsam aber sicher einen Weg und teilweise wissen wir als Leser dieser brillanten Story natürlich mehr, als die Protagonisten. Aber auch nicht wirklich - und grade deshalb fesselt dieser Roman bis zum Schluss. Nesser führt einen neuen Kriminalbeamten ein und der ist dermaßen sympathisch, dass man ihm quasi auf die Sprünge helfen will. Denn für die meisten der Beteiligten, bleibt das spurlose Verschwinden von zwei Familienangehörigen ein Rätsel. Nesser gelingt es zudem, alle Rollen psychologisch fein zu zeichnen. Vom 14 jährigem Problemkind bis zum Schulmeister der mit 65 nun in den Ruhestand geht, seinen Geburtstag feiert, wobei die Lieblingstochter am gleichen Tag 40 wird. Kann ja alles nicht gut gehen. Das ist ein Roman, den man nicht zur Seite legen will.
Großartig!

 

Drachenläufer
Khaled Hosseini, Berliner Taschenbuchverlag
Den Roman hatte ich schon seit drei, vier Jahren liegen. Und das war auch gut so. Was wurde ein hype darum gemacht, als er erschien. Im Abstand heute, geht man die Lektüre wohl ein wenig unaufgeregter an und es ist auch nicht wirklich der Hundertprozenter, von dem damals gesprochen wurde. Aber ein Zitat spielt mir durchaus in den Fuß, wenn ich bedenke, was heute dieses mittelalterliche Gesocks von Mullahs und Ayatollas angeblichen Korandeutern und was weiß ich, für einen Quatsch verbreiten, bzw. ableiten. Amir – die Hauptperson und Icherzähler – hat einen klugen Vater und der sagt folgendes und ich meine, das gilt genauso noch heute; also Amirs Vater sagt: - Du wirst von diesen bärtigen Idioten niemals irgendwas von Wert lernen. Ich meine damit alle. Man sollte auf die Bärte dieser ganzen selbstgerechten Affen pinkeln. Sie tun nichts anderes, als ihre Gebetsperlen zu befingern und aus einem Buch aufzusagen, das in einer Sprache geschrieben ist, die sie nicht einmal verstehen. Gott stehe uns bei, sollte Afghanistan jemals in ihre Hände fallen.  (Zitat Seite 24) Das ist der Schlüsselsatz dieser Geschichte über eine Männerfreundschaft, die sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt und die das Land Afghanistan begleitet von den Blüten und Hippiejahren der Siebziger bis zum grauen Elend des heutigen Kabul. Es offenbaren sich auf dem Weg ein paar Geheimnisse und das ist alles recht lehrreich und oft brutal. Aber als Amir schließlich mit seinem Vater in den USA landet, da wurde für mich die Strecke etwas zu lang. Es interessierte mich nicht so sehr, wie Amir eine Frau findet und wie sich die geflüchteten Afghanen weiter in ihren Ethno- und Kastensystemen verzetteln.

Allerdings ist der Roman auch eine Geschichte von Zivilcourage und damit durchaus wieder hochaktuell. Amir hat Hassan, eben seinen Freund gleich zwei Mal verraten, einfach aus Feigheit und Neid. Und erst als er Gelegenheit hat, es wieder gut zu machen, wird auch endlich der Mann aus ihm, den sich sein Vater schon von klein auf gewünscht hat. Na ja, Afghanistan ist heute kaputt – wir erfahren viel darüber! Russen, Taliban, Amerikaner und wir mischen auch noch mit. Warum? Weil Afghanistan so strategisch nahe am Öl liegt. Und da kennt der Amerikaner keine Verwandten. Auch macht das Buch klar, dass es für das Land niemals zu einer Demokratie kommen kann, da sind die Ethnogeschichten untereinander genau so ungeklärt wie in all den Jahrhunderten davor. Zwiespältig, alles.

 

Der Fledermausmann
Jo Nesbo, verlag ullstein
Mann, was bin ich froh dass ich von Nesbo zuerst DAS FÜNFTE ZEICHEN gelesen habe, und nicht diese Einführung, bzw. seinen ersten Roman mit Harry Hole, dem sympathischen Osloer Ermittler mit einem Alkoholproblem. Es handelt sich nämlich beim Fledermausmann eher um einen Reiseführer für Australien, mit absolutem Tiefgang, was die Information über die Ureinwohner angeht und das Leben down under überhaupt. Ein Thriller kommt erst ganz langsam in Fahrt und es bleibt auch seltsam flach alles. Jetzt, da ich weiß, wo sich das Talent noch hingeschrieben hat, nämlich die ganzen Harry Hole Stories die danach kamen, ist es schon fast putzig, wie Nesbo uns in seinem ersten Roman den Reiseleiter spielt. Hole wird nach Australien geschickt um einen Serienmörder dingfest zu machen. Eine junge Norwegerin ist ermordet worden. Blond und erwürgt. Das sind aber auch schon die einzigen Indizien. Harry bekommt Andrew zur Seite und der spielt das ganze Buch über den Erklärbär was Australien angeht. Das wirkt manchmal komisch bis lächerlich, ich hatte fast schon Derrick und Harry im Ohr. So gestelzt sind die Unterhaltungen. Aber wir erfahren auch, was mit Harry los ist. Serin Trauma, seine Alkikarriere. Gut, wir wiessen es jetzt, aber wie gesagt, nicht mit diesem Roman anfangen, dann greift man sich den nächsten Nesbo garantiert nicht.

 

Blutiges Erwachen
Roger Smith, verlag klett-cotta
Ein Südafrika, das atemlos macht. Wenn auch nur ein Drittel von dem stimmt, was Roger Smith uns da über sein Land vor die Füße wirft, dann Gnade uns Gott. Sollten unsere Jungs von der Fußball Nationalmannschaft, dieses Werk lesen, ich glaube, die könnten vor lauter Beklemmungen gar nicht mehr pöhlen. Es ist alles so frei von jeder Moral, frei von jeder bekannter Ethik und voll von gnadenloser Brutalität auf allen Ebenen. Sei es sexuell oder kriminell. Es überschreitet jede Grenze und ich habe lange nicht mehr so etwas gelesen. Schlimm ist, dass der Autor in der Sendung Titel, Thesen Temperamente gesagt hat, das er nur aufgeschrieben hat was abgeht.

Es lohnt sich auch kaum eine Story zu beschreiben, denn entweder sind die auf der nächsten Seite schon wieder tot, oder liegen in einem Müllsack auf der Kippe – und sind noch nicht ganz tot. Und trotzdem empfehle ich das Buch. Wir haben Weltmeisterschaft – und wer dieses Buch zu Ende gelesen hat, der wird sich in diesem Jahr, was Südafrika angeht, über nichts mehr wundern. Wundern tu ich mich darüber, dass der Staat Südafrika überhaupt diesen Roman hat passieren lassen.

Aber vielleicht sind ja auch alle damit beschäftigt, die unzähligen Leichen zu verbergen, von denen Smith hier schreibt. Unglaubliches Buch.

 

Der Trakt
Arno Strobel,  Fischer Taschenbuch - Verlag

Au Mann, in letzter Zeit habe ich immer öfter Pech, was die Auswahl aus dem Genre „Thriller“ angeht. Diesmal daneben gegriffen habe ich mit einem Buch aus dem Bereich, Gedächtnisforschung, Neurologie und Verpflanzungen von Hirnsoftware. Alles in allem eine  krude und bizarre Psychoneuropathologie – wenn es dieses Wort überhaupt gibt. Der Reihe nach: Sybille Aurich erwacht und meint sie sei weiter Sybille. Kein Mensch erkennt sie und das zieht natürlich verzweifelte Situationen nach sich, wenn sie zu ihrem (vermeintlichen) Ehemann kommt und der sie brüsk raus wirft, weil er eben nicht weiß wer sie ist. Ihr selbst entstehen aber immer Bilder aus einem früheren Leben und sie ist sich sicher, auch einen Sohn zu haben. Durchaus lesbar also der Anfang. Doch schon nach kurzer Zeit ertappe ich mich dabei, dass ich für den Autor hoffe, dass die ganze Sache nicht in so einer Frankenstein Monster Geschichte endet. Und was tut es? Es endet genau da. Ein sich selbst überschätzender Neurochirurg wagt sich wieder mal an diesen angeblichen Menschheitstraum und kopiert quasi die gesamte Elektrizität und Hirnströme samt Gedächtnis auf eine Matrix zum Zwecke der Übermittlung in ein anderes Hirn. Sogar mit den Optionen via Abschaltungen von bestimmten Synapsen (Dieses alberne Projekt heißt dann auch noch „Synapsia“) auch bestimmte Erinnerungen auszulöschen. (Siehe auch den nur halbwegs gelungenen Richard Powers Roman: Das Echo der Erinnerung) Man weiß, zugegeben, wenn man will, wieder mal ein wenig mehr über das Hirn, das unbekannte Wesen. Aber dieser hölzerne Roman ist nun wirklich ärgerlich. Der Autor ist im richtigen Leben bei einer großen deutschen Bank (!) beschäftigt und verantwortlich für IT-Projekte. Auch wenn ich dafür was ins Phrasenschwein werfen muss: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

 

Amok
Tom Bale, Goldmann – Verlag

Ich will mal vorsichtig anfangen, ohne jemanden Nahe treten zu wollen. Eigentlich habe ich, bis auf ein paar Ausnahmen, immer von Produktionen des Goldmann – Verlages die Finger gelassen. Ebenso ergeht es mir mit Bastei-Lübbe oder Econ. Dass dieser Roman so marktschreierisch von Goldmann angepriesen wurde, hätte mich auch stutzig machen können.

Ein Freund lieh mir den „Thriller“ und ich bin einfach mal angefangen. Der ganze Roman ist so, wie bei diesen englischen Krimis Sonntag abends im ZDF um 22:15h, da steht man auch oft mittendrin auf und sagt zu seiner Liebsten “ Weißt Du was? Ich geh schon mal ins Bett, ein wenig lesen“. Und bei diesem Roman ging es mir, um im Bild zu bleiben, ähnlich; quasi mitten im Kapitel: „Weißt du was, ich bin müde, gute Nacht´.“ Obwohl der Anfang durchaus Mankell Qualitäten in sich birgt. Ein Massaker in einem Dorf, das mich ein wenig an jenes Mankellsche Massaker in „Der Chinese“ erinnerte. So, aber jetzt fängt die mühsame Arbeit an. Bale nimmt sich die Freiheit, viel zu viele Charaktere einzubauen, und zwar auch so, dass man, wegen der oben beschrieben, schnell einsetzenden Müdigkeit, kaum folgen kann oder eben ungehalten wird. Das was als Amok und Massaker anfängt, hält den Spannungsbogen nicht und auch dieses „mörderische Schlachten“ gegen Ende, wo Bale wohl meint, einen gewisse Blutdurst beim Leser zu befriedigen, ist nicht mehr als unterer Durchschnitt.. Kaputte Beziehungen, Alkoholismus, Korruption…gut alles da. Aber wie gesagt: ermüdend. Nicht verschenken.

 

Erbarmen
Jussi Adler-Olsen, Verlag DTV

Irgendwo in Skandinavien muss ein Nest sein, oder zumindest eine Schule für Thriller-Autoren. Die Liste guter Schreiber wird mir langsam unheimlich, Mankell, Nesbø, Dahl, Larsson und wie sie alle heißen. Die hier genannten vier Autoren verbinden ihre wohl durchdachten Krimis immer noch mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik, was nicht immer gut ist, gleichwohl meistens gelungen. Man lernt viel über die skandinavischen Verhältnisse - ob in Schweden, Norwegen oder Dänemark. Finnland fällt -krimitechnisch- gesehen etwas ab. Jussi Adler-Olsens "Erbarmen" ist dänisch und hier geht es nicht um eine als Krimi getarnte politische Botschaft im Kampf um bessere Verhältnisse, sondern Adler-Olsen bleibt bei der Sache. Carl Mørck, die Hauptperson und Vizekommissar, ist durch einen gescheiterten Polizeieinsatz schwer traumatisiert, denn der eine Kollege stirbt dabei  und er überlebt mühevoll, in dem er unter seinem Kollegen Hardy liegt, der durch Schüsse danach lebenslang gelähmt ist. Da ist es schwer wieder in den Polizeialltag zu finden. Es gelingt ihm auch nicht wirklich und seine Vorgesetzten schieben ihn quasi ab (in den Keller) wo er mit Sonderaufgaben für ungelöste Kriminalfälle betraut wird. Er bekommt einen charmanten Moslem zur Seite, dessen Vita im Laufe des Buches immer undurchsichtiger wird. In den nächsten Adler-Olsen Büchern werden wir über ihn erfahren. Denn das Team wird wohl weiter zusammen ermitteln, denn sie ergänzen sich nach und nach großartig. Erstmal an einem Faden dieser unglaubliche Geschichte festgebissen, lassen die beiden nicht mehr los, und decken, Puzzle für Puzzle und durchaus spannend geschrieben, den Fall auf. Die zweite Handlungsebene ist das  dubiose Verschwinden der allseits beliebten Politikerin Merete Lynggaard vor fünf Jahren und deren Martyrium erleben wir hautnah mit. Dagegen ist Guantanamo eine Kaffeefahrt. Geschulte Krimileser wissen eigentlich aber von Anfang an, wo der Hase im Pfeffer liegt, spannend bleibt nur, ob Mørck und sein Assistent Assad das Rennen noch pünktlich entscheiden. Und das ist gut gemacht, man wartet ungeduldig auf das Weiterkommen in dieser zähen Ermittlung und man will dieses Buch auch nicht zur Seite legen. Kann ich - mit leichten Einschränkungen – empfehlen.

 

Armentafel
Heinrich Peuckmann, verlag aschenbach

Flach, unspannend und holprig
Wer Romane schreibt, muss sich der Kritik stellen. Wer an die Öffentlichkeit geht mit seiner wie immer gearteten Kunst, muss sich eine Bewertung gefallen lassen, Ich muss auch seit Jahrzehnten damit leben. Ich veröffentliche Songs. Manchmal weiß ich relativ schnell, dass ein grade fertig gestellter Text, lieber in der Schublade bleiben sollte. Und viele bleiben da auf ewig liegen. Heinrich Peuckmann hätte dieses Büchlein auch lieber nicht zum Lektorat gebracht, wenn es überhaupt eins durchlaufen hat. Was mich ärgert, ist,  dass plötzlich Autoren mit theologischer Ausbildung den Markt mit Krimis betreten und ich denke dabei, man, was müssen die Zeit haben. Einerseits sowieso gut bezahlt und unkündbar (Lehrer oder Pfarrer, oder in Personalunion), andererseits sich selbst noch das eigene Ego kitzeln, in dem man Romane veröffentlicht. Ich habe tatsächlich schon zwei Peuckmann Romane gelesen (-Schillers Vermächtnis- und –Teufelszeug-) und habe relativ milde abgestimmt. Gut durchdachte Krimis aus Dortmund. Man kann quasi mit dem Hauptkommissar die Straßen nachfahren. Das ist schon verrückt und auch nachvollziehbar. Auch die Stories relativ stimmig und er bemüht sich immer um ein überraschendes Ende.
Ein Krimi aus dem Neonazi Müll Bereich, der andere siedelt eher bei „Sekten“ an. Aber eben nur vordergründig. Schade ist, dass er immer wieder zeigt, was er gelernt hat: Theologie, Philosophie, etc…Man liest es und denkt, ach ja, das steht ja auch auf dem Buchrücken, dass der davon Ahnung hat. Und so hebt es sich irgendwie auf. Es ist etwas schal, wenn man die Erkenntnisse  seines Berufslebens unbedingt immer einarbeiten will. Seis drum.  Aber sein letzter Roman, eben "Armentafel", wirkt irgendwie lieblos dahin geworfen, und man denkt die ganze Zeit, und dann wird es wirklich kritisch: das kann ich auch! Und wenn man so weit ist, sollte man das Buch weg legen. Peuckmann wagt sich diesmal in das Obdachlosen Milieu, kariert schwarz weiß die "Reichen im Süden" (hoho, eine falsche Spur) und konstruiert eine wirre Geschichte über das Leben auf der Platte, oder in diesem Fall in einer Zeltstadt für Gestrandete im Wald der südlichen Reichen und Schönen. Er muss zwei Morde einarbeiten, ist ja ein Krimi und mäandert den Schluss und die wahren Schuldigen ins südosteuropäische Ausland. Dazwischen eine lachhafte Krise mit seiner aktuellen Freundin, denn als Kripomann hat man schon a priori gescheiterte Beziehungen hinter sich, die sich im heiteren Licht einer münsterschen Singlewohnung, inkl. ihrem Sohn aus erster Ehe, ins Nichts auflöst. Dazu nehme man noch eine Prise BVB und die offensichtliche Krise dieser Stadt auf allen Ebenen: fertig ist die Lauge. So geht das aber nicht.

 

Ausgebrannt
Andreas Eschbach, Bastei - Lübbe

Gut, dass ich das Buch in einem Streifen durchlesen konnte. Es hat mich gezogen wie ein Sog und absolut begeistert. So muss ein Thriller geschrieben sein. Und wenn dann noch eine oder mehrere messerscharfe weltpolitische, ökologische und gesellschaftliche Analysen, daher kommen, macht es den Genuss vollkommen rund. Nun muss man wissen, dass ich auf Wissenschaftsthriller und/oder Prosa mit philosophischen Erkenntnissen, oder zumindest mit deren Anregungen sich damit auseinanderzusetzen, absolut liebe. Dabei hatte ich allerdings Pech mit meiner letzten Buchauswahl. Das, mehr als geschriebener Comic daherkommende, und  völlig überladene Werk "Limit" von Frank Schätzing, war am Schluss nur noch ärgerlich. Bei "Ausgebrannt" ist man dem Thema persönlich auch viel näher. Wer sich heute über den Lauf der Dinge oder der Welt Gedanken macht, kommt an China und Saudi Arabien einerseits und dem Energieproblemen unseres Planeten andererseits, nicht vorbei.

Sowohl Schätzings "Limit" und Eschbachs "Ausgebrannt" bedienen sich hier, quasi dem Schlüsselgebiet für die Zukunft der Welt. Die ist in beiden Büchern nicht rosig, kann auch gar nicht sein. Denn die Plünderung unseres Planeten geht ja ungehemmt weiter. Jetzt muss man sich aber die Parameter genauer anschauen. China, 1,5 Milliarden energiehungrige Menschen?  Bei versiegenden Ölquellen? Religiöser Fundamentalismus auf der Basis eines Millionenheeres frustrierter, arbeitsloser, Sinn suchender junger Moslems, denen jeglicher Zugang zum weiblichen Geschlecht verwehrt ist und die, im Grunde testosterongesteuert, alles auf den westlichen Lebensstil projizieren und diesen hass- und botschaftserfüllt, im Namen Allahs, in den Tod bomben wollen, sich eingeschlossen? Und eine Scheichclique, die durch die Welt jettet, und den unfassbaren arabischen Reichtum in Dekadenz und Superluxus verschleudert? Die Unfähigkeit der Politik, mit den Problemen auch nur annähernd fertig zu werden, sollte sowieso jedem nachdenklichen Menschen klar sein. Aber selten habe ich  Gedanken der Hauptpersonen dieses Romans so nachvollziehen können. Alle Sackgassen, ob bei den ungelösten Energieproblemen, den daraus am Horizont aufkommenden Hungerproblemen oder den sich in persönlichen Ängsten

kanalisierenden schlimmen Zukunftsaussichten, sind quasi logisch, ja erkenntnistheoretisch ausgebaut. Eschbach beschreibt hier ein update der menschlichen Existenz, wohl wissend, dass es Milliarden von Toten geben könnte, aber, und dafür werfe ich 2€ ins Phrasenschwein: die Hoffnung stirbt zuletzt. Unbedingt lesen!

 

Die Bücherdiebin
Markus Zusak, Verlag blanvalet
Was soll ich sagen? Mich hat das Buch vollkommen umgehauen. Es hat mich so bewegt, dass ich am Ende die Tränen nicht zurück halten konnte. Ganz im Gegensatz zu dem seltsam unberührenden Buch "Der Junge im gestreiften Pyjama" wird hier das Thema NS-Zeit, Krieg, Judenverfolgung, drittes Reich, etc.,  in einer emotionalen Nähe angegangen, dass es mich fast sprachlos macht. Und eigentlich kann mich literarisch so schnell nichts erschüttern. Es ist vor allem auch die Idee, dass der Sensenmann selbst, als Ich-Erzähler, die Geschichte vorantreibt und dass er menschlich daherkommt, quasi Gefühle für seine Seelen zeigt, die er in dieser bitteren Zeit, millionenfach aufsammelt. Wir begleiten die Hauptperson dieses Romans, Liesel, von ihrer ersten Begegnung mit dem Tod, bis zu Ihrer Letzten. Dazwischen spielt sich die Geschichte, auch als eine Art Mikrokosmos des Dritten Reiches, eben vom Führerwahnsinn, Mitläuferverbrecher, leise heimliche Zweifler, Judenverstecker, usw. in einem kleinen Städtchen vor München ab. Es ist die Geschichte einer innigen Freundschaft von Liesel zu Rudi, einem mutigen und liebenswerten Rabauken. Es ist die Geschichte von Liesel und Max, dem Juden, den die Familie Hubermann, Liesels Pflegeltern, mutig versteckt. Wir erleben die Begeisterung für den Führer und seinen Verbrechen und bibbern ängstlich mit, in den erbärmlichen Luftschutzkellern, als dieser Wahnsinn schon längst verloren war. Wir nehmen teil an Liesels Annährung an die Bücher, sie ist die Bücherdiebin, ein Titel der so harmlos daher kommt, aber den Kern auch trifft. Ihren unbedingten Willen, die Dinge zu verstehen, und das kann sie nur indem sie lesen lernt. Die selbstverständliche Armut, die uns durch den Roman begleitet, der Gleichmut wie die Familien all dem begegnen, das ist großartig. Ein Australier legt hier einen Roman aus der Mitte Deutschlands vor, der zur Pflichtlektüre im Sozialkundeunterricht oder m Fach Geschichte werden sollte. Frei ab 12 Jahren und es ist dabei ein großer Roman für uns Ältere. Unbedingt verschenken, wo immer man das Gefühl hat, in dieser oder jener Familie wird noch gelesen und der Lauf der Zeit noch ernst genommen.

 

Winter in Maine
Gerard Donovan, Luchterhand

Daniel Defoe hätte seine Freude an diesem Roman gehabt. Wenn ich ganz quer denken würde, passt der Roman "Winter in Maine" auch zu "Verschollen", ,jenem Film mit Tom Hanks, bei dem mir vor allem die Szene im Gedächtnis bleibt, als er seinen einzigen Freund auf der Insel, einen Ball namens "Wilson" (stand auf dem Ball, war eben von dieser Sportausrüsterfirma)an die Fluten verlor.
Julius Winsome ist ein einsamer Mann, aber nicht nur das, eigentlich ist er krank, im landläufígen Sinne Psychopath. Aber da er in der "Ichform" schreibt, kann er sein Weltbild als geschlossenes System beschreiben,  und das ist bei den meisten Psychopathen in sich stimmig. Alles was drum herum passiert, ist eigentlich egal. Kommt man aber einem Psycho wie Julius nahe, dann wird es gefährlich, da braucht es einen kleinen Anlass und der Mann wird zur Bombe. Hier ist es der Verlust seines geliebten Terriers Hobbes, den er eines Tages erschossen im Umfeld seiner einsamen Hütte auffindet. Aber es ist keine normale Rachegeschichte, die dann folgt.  In den tiefen, kalten Wäldern von Maine, an der kanadischen Grenze, hat sich über drei Generationen (Großvater, Vater und Sohn - eben Julius) ein fast schon Eremitendasein etabliert und wie das so ist, es wurde viel von Großvater, auf Sohn und von dem wieder auf seinen Sohn, eben Julius, vererbt. Nicht nur ein sich immer mehr verdichtender Dachschaden, sondern auch eine Hütte mit über 3000 Büchern, mit denen Julius seine Zeit verbringt. Shakespeare - Sonetten und vieles andere mehr. Dazu ein Menschen vernichtendes, großkalibriges Gewehr (eine Enfield) das schon zu Zeiten des ersten Weltkrieges vom Großvater genutzt wurde. Scharfschütze eben und auch irgendwann durchgedreht. Der Ort Fort Kent ist nicht weit, ab und an fährt Julius dahin, besorgt sich was er braucht, aber sein Leben ist die Hütte, das Feuer im Kamin, Hund Hobbes und Shakespeare. Eines Tages taucht auch mal eine Frau auf, Claire, die einen Sommer mit ihm verbringt. Das alles bleibt aber nahezu unkörperlich, zumindest aus der Beschreibung. Und irgendwie hängt auch der Tod seinen treuen Hundes damit zusammen, denn im Nachgang zu der  "Affäre" mit Claire passiert ja auch dieser vorsätzliche Mord an dem Hund. Wer so einem Menschen wie Julius zu nahe kommt, muss mit Konsequenzen rechnen. Das ist sein Weltbild und er schreibt das so logisch, das man durchaus mit seinem "Rachefeldzug" sympathisiert. Ein enormer Thriller, ein winterharter Roman, durchgeknallt und einsam gut!

 

LIMIT
Frank Schätzing, Kiepenheuer & Witsch

So, jetzt habe ich die Tausend und die Schnauze voll. Ich schenke mir die restlichen 300 Seiten, weil ich glaube, dass auch diese das Buch nicht mehr retten werden. Mehrmals wollte ich es in die Ecke werfen, aber es ist so dick, dass vielleicht was kaputt gegangen wäre. Und mal ehrlich, der Schluss von „Der Schwarm“ war ja auch grade noch zu ertragen, aber bis dahin – spannend! Und jetzt ärgere ich mich über all die Zeit, die ich mit diesem Buch „Limit“ verplempert habe. Ich habe so gute Sachen da liegen (Winter in Maine, Nebelsturm), aber komm, egal jetzt.

Die Grundidee und die naturwissenschaftlichen Recherchen, Hut ab. Und die wirklich gekonnten Extrapolierungen unserer heutigen Zeit bis zum Jahre 2025 sind aller Ehren wert. Wie Schätzing die Zukunft der Öl- und Gasstaaten, bzw., deren Niedergang, nach der neuen und sicheren Energiesituation der Welt durch die Nutzung von Helium 3 beschreibt, ist auch sehr interessant. Wie schon in Mankells „Der Chinese“ kann es einem vor China Angst und bange werden. Wir werden also in Europa die Arschkarte haben. Auch Indien rasselt an uns vorbei. Im Grunde alles nicht neu - aber gut und mit einem globalen Verständnis erzählt. Vor fünf Jahren hatte ich die Gelegenheit, bei einer Mondrevue mit zu spielen. Thematisiert wurde tatsächlich dieser Weltraumlift, eben der Ausgangspunkt für den Schätzing-Roman und der auch die Grundlage für die Möglichkeit zum Abbau des Helium 3 vom Mond bildet.  Damals dachte ich, unmöglich. Heute sehe ich es anders, die geostationäre Einheit, die das Ende des Weltraumfahrstuhls bildet, ist eine Option. Festgenagelt im Weltraum in ca. 34000 KM Höhe im Mittel zwischen Gravitation und Zentrifugalkraft. Alles vorstellbar. Aber was sollen diese endlosen, über hunderten von Seiten gezogenen Jagden von Gut und Böse? Man wähnt sich in einem Nintendospiel, vielleicht war es auch genau seine Absicht: das ganz virtuelle Leben, Avatare, etc. in geschriebener Form. Man setzt sich eine Holobrille auf, oder gleich einen ganzen Helm und geht auf die Jagd. Und wie in einem Nintendospiel gehen die Gejagten auch nicht kaputt, sondern wirbeln wie androide Kampfmaschinen durch die Höllen der jeweiligen Level. Aua. Wiederum gut uns plastisch dargestellt ist die Oberfläche des Mondes; die Struktur, das Licht und die naturwissenschaftlichen Phänomene unseres begleitenden Kameraden. Wie viele meiner Rezensionskolleginnen und Kollegen komme ich zu dem Schluss, die Hälfte der Seiten hätte es auch getan. Aber ich wage auch jetzt nicht zu sagen, ob das das Buch dann einen Platz im Literatur - Olymp bekäme. Eher nicht.

 

Bücher 2009

Die Entdeckung des Lichts
Ralf Bönt, Dumont

Licht ist magnetisch – der Roman eher nicht
Mich hat der Roman nicht wirklich überzeugt. Wenn man immer einen Hang zum Weiterblättern oder Überlesen in sich spürt, kann was nicht stimmen. Die Frage ist nur, was? Nun, auf dem Buchumschlag wird das Werk als fesselnder Roman beschrieben und leider hat er mich nicht gefesselt. Sogar unspannend. Ab und an wird man „geweckt“ durch spektakuläre Sätze über irgendwelche Phänomene, sei es das von Faraday als erster durchschaute Zusammenspiel zwischen Magnetismus und Elektrizität, wodurch er die Grundlage für die vereinheitlichte Theorie der Elektrodynamik legte, oder z.B. das Lavoisier Gesetz, dass sich alles verwandelt in anderes aus denselben Bestandteilen. „Wog man zum Beispiel beim Verbrennen von Holz alle beteiligten Stoffe vorher und hinterher, das Holz, die Luft, die Abgase, dann fehlte nichts“ (Seite 11). Solche und ähnliche Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Helden des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts kommen zu hauf. Und wie gesagt, sie tropfen plötzlich daher und man fragt sich, als interessierter Mensch, was habe ich da grade eigentlich gelesen, kurz bevor man einschläft ,über die ständigen Kopfschmerzen unseres Helden und seiner Sehnsucht nach Sarah. Na ja, man kann ja alles in Fachbüchern nachschauen oder googlen. Man gebe einfach die Namen ein, von Newton, über Davy, Maxwell, Volta, Ampere, Riebau, etc…Aber ich habe die ganze Zeit auf einen „Roman“ gewartet, etwa nach dem Vorbild vonJohn Griesemers „Rausch“, welcher auch tatsächlich  mit den Inhalten des vorliegenden Romans korrespondiert. Die Verlegung des Atlantikkabels (Rausch) ist aber eine durchgängig spannende Prosa, wobei „Die Entdeckung des Lichts“ eine Art Biographie Faradays ist, mit den unendlichen Werbungen um seine Frau Sarah und den zunehmenden Kopfschmerzen mit Gedächtnisverlust durch die vielen giftigen Chemikalien, mit denen er experimentierte. Nun, er schaffte es dennoch, trotz schwerer Krankheit und diversen Ausfällen, die Entdeckung derelektromagnetischen Induktion  zu belegen. Diese Experimente bilden heute noch die Grundlage der modernen elektromagnetischen Technologie. Sie ermöglichten es ihm, den ersten Dynamo (Generator) zu konstruieren. Es gibt noch eine Art zweiten teil des Buches, aber auch die zeitferne Verbindung Faradays mit der Familie Einstein und dem jungen Albert als weltinteressierter, angehender Genius, mochte für mich diesen Roman nicht retten. Trotz allem gibt es viele wichtige Aspekte. Quasi Nebenkriegsschauplätze wie Aufstieg und Fall Napoleons,  die weltweite Choleraepidemie zu der Zeit, das am eigenen Dreck fast erstickende London, die Vorstellung der großen naturwissenschaftlichen Geister jener Zeit und deren Marotten. Ach ja, vielleicht sollte ich noch mal von vorne anfangen. Aber ich denke, dann überblättere ich noch schneller. Und das wäre respektlos.

 

Grenzgang
Stephan Thome, Suhrkamp

Hessische Provinz aber kein provinzieller Roman
Hessen, der zweite Roman in kürzester Zeit. Zuerst der beeindruckender Gesellschaftsroman "Die Ängstlichen" von Peter Henning (sehr gut), und nun ein Debüt, dass nicht nur aufhorchen lässt, nein, es ist auch wieder richtig gut. Und wieder sind wir in einer hessischen Kleinstadt; diesmal geht es um einen Feierritus in "sieben Jahres Abständen", und dieses Fest heißt eben "Grenzgang". Der Ort ist fiktiv (Bergenstadt), irgendwo zwischen Lahn und Röhn, was weiß ich, aber es kommt einem alles sehr bekannt vor, auch wenn man in einer Großstadt aufgewachsen ist. Denn genau so muss es sein: die Kleinstadt, wo sich fast jeder kennt, und wo man trotzdem einsam ist. Wie die beiden Hauptpersonen Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Wie die Namen schon sagen, Menschen wie du und ich. Mit all den erlebten Dramen, Träumen und Enttäuschungen. Der "Grenzgang" findet alle sieben Jahre statt und in der Hauptsache wird der des Jahres 2006 zitiert. Woraus hervorgeht, dass der vorherige Grenzgang 1999 war, 1992 bis 1985. eben. Aber Stephan Thome ist so klug, uns auch auf den "Grenzgang" 2013 mitzunehmen. Wir sind ständig dabei, zwischen den altersadäquaten Erlebnissen der jeweiligen Jahre und ihrer Hauptpersonen hin und her zu springen. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, entwickelt sich aber zu einem zuverlässigen Stilmittel.
Nichts ist wirklich spektakulär, die Prosa erfährt ihre Dramatik aus der zeitweiligen Ziellosigkeit der Menschen, kleine Fluchten die erbärmlich scheitern, es ist das Aufgeben von Zielen und Träumen, das sich Einrichten in der Langeweile oder das Aufgeben von Lebensplänen. Trotzdem ist das Buch spannend, man fiebert mit den Protagonisten, weil, und das ist die Stärke dieses Romans, das hättest du selbst sein können (besser noch - das bist du).

 

Der Brenner und der liebe Gott
Wolf Haas, Hoffmann und Campe

..und jetzt kommst du!
Stell Dir vor, Du setzt Dich, so wie früher oft, an den Tresen Deiner Stammkneipe, und nimmst Dir vor, einen schönen relaxten Abend mit ein paar harmlosen Plaudereien…, etc. Du verstehst. Kommt ein alter Kumpel rein, setzt sich ungefragt neben Dich und fängt an, eine haarsträubende Geschichte zu erzählen, wo Dir nichts anderes übrig bleibt, als zu nicken, oder ab und an die Stirne zu runzeln oder eben herzlich zu lachen. So weit klar? An einem Strich wird Dir da eine Story aufgetischt, die absurder nicht sein kann; und mittendrin der Brenner, ehemals Polizist und heute gleichmütiger und gelassener Fahrer, oder besser Chauffeur einer kleinen Prinzessin, die er, weil die reichen Eltern in dem magischen Dreieck Wien, Kitzbühel und München ihr mehr oder weniger sublegales Tun betreiben, zwischen diesen großen Adressen hin und her fährt. Die beiden haben sich so aneinander gewöhnt, also der Brenner und die kleine Helena, kommst Du noch mit? dass die Kleine schon meint, die Autobahn sei ihr Kinderzimmer. Pass auf, ich will gar nicht mehr verraten, denn was jetzt passiert, musst Du gelesen haben, von Kindesentführung, über Korruption, Prostitution, und sechsfachem Mord, alles da, ob du es glaubst oder nicht. Und immer wieder diese Abtreibungsgegner, ich sage Kampfbeterinnen, wenn Du verstehst was ich meine. Also eine Sprache, da bleibt sie Dir weg.

Und wenn wir uns demnächst am Tresen treffen, dann erzählst Du mir haarklein, was Du von dem Brennerroman gehalten hast. Und komm mir nicht mit, komischer Duktus oder so eine Scheiße, das ist der Stil von dem Haas.
Ich sage Hut ab!

 

Träume von Flüssen und Meeren
Tim Parks, Verlag Kunstmann

Tim Parks ist ein Autor, dessen Genialität darin besteht, Themen der Zeit sowohl in ein höchst unterhaltsames - wie auch in ein gesellschaftspolitisches, analytisches Korsett zu zwingen. Wer bisher nur "Eine Saison mit Verona" gelesen hat (wohlgemerkt, eines der besten Fan - Fußballbücher überhaupt) und dann zu diesem fulminanten Werk mit dem wunderbaren Titel: "Träume von Flüssen und Meeren" gelangt, der vermag diese Bandbreite wohl kaum glauben. Ich habe den Umweg über seinen Roman "Stille" nehmen können, und nähere mich etwas gelassener dieser Prosaleistung. Wie in "Stille" geht es auch in seinem neuen Werk vordergründig um eine Vater - Sohn Beziehung, vielleicht eher um die Nichtexistenz dieser. Albert James, von dessen Tod wir sofort zu Anfang des Romans erfahren, ist (ich sage bewusst "ist") eine Art Kommunikationsanthropologe, der es zu seinem Forscherziel gemacht hat, zu beweisen, das kleinste Störungen von bestehenden kultur-sozialen Strukturen, dessen Ende bedeuten können. Fast schon Chaostheorie, oder? Nun, ich verstehe diesen Roman leicht metaphysisch, und meine damit nicht etwa "übersinnlich". Ich will es kurz machen und trotzdem Geschmack auf dieses Buch einfordern: Alle wichtigen "Protagonisten" dieses Buches, als da sind Alberts Frau Helen, die als Ärztin und eine Art Mutter Theresa, ihrem Mann in in die ärmlichsten und erbärmlichsten Slums der Erde folgt und hier in wilder Verzweiflung Leben rettet, wo ein paar Straßen weiter gleich zehn Mal so viel sterben.
John, Alberts Sohn John, verbringt seine Zeit eigentlich in einem Labor und untersucht die Zellstruktur des oder eines TB Bazillus im Allgemeinen, und dessen Mutations-. bzw. Aktivierung und De - Aktivierung mittels eines Enzyms, im Besonderen. Oder so. Seine Freundin ist heiß auf eine Rolle in einem Theaterstück und lässt sich zum Unwillen von John mit dem Regisseur ein. Dann haben wir noch einen amerikanisch propperen Wissenschaftsjournalisten, der, begeistert von den Schriften Albert James', eine Biographie über denselben machen will. Sie alle treffen sich im dampfenden, elenden indischen Delhi und Tim Parks versteht es, uns allumfassend mit einzubeziehen. Nie habe ich vorher so unglaublich nah, von Magenkrämpfen und Durchfallproblemen gelesen. Es schmerzt einen selbst bei der Lektüre. Eine wichtige Rolle bei der ganzen Geschichte spielt die Spinne. Ist klar, Netz, vernetzt, vernetzte Strukturen, wir hatten das weiter oben. Und nun mein metaphysischer Plot: Albert James, jetzt Tod, sieht auf all seine Schauspieler runter und fragt sich amüsiert, in welche Richtung das von ihm angezettelte Theaterstück geht. Ab und an äußert Helen diesen Verdacht in dem sie einmal mehr fragt:  "Albert, warum hast du mich allein gelassen? Was willst Du mir sagen?" Gut, das weiß ich jetzt auch nicht so recht, aber dieser Roman macht Spaß, ist hohe Literatur, kurz absolut lesenswert.

 

Die Ängstlichen
Peter Henning,Aufbau verlag

Bei diesem Buch bin ich in meinem Element. Und seit langer Zeit wieder ein Gesellschaftsroman aus der Mitte Deutschlands.
Das Szenario kann nicht düster genug sein: über der hessischen Kleinstadt Hanau und drum herum, braut sich ein katastrophales Unwetter zusammen.
Eine klassische Eröffnung um gleich in die Atmosphäre dieses Buches zu tauchen. Mit Protagonisten, die allesamt nicht ganz beieinander sind, aber die, bis zum Zeitpunkt dieses Sturmes, einen einigermaßen Status quo im Leben hatten und die zusahen, irgendwie zu recht zu kommen. Es gibt die greise, aber im Kopf noch fitte Johanna, die als übriggebliebenes Familienoberhaupt, zumindest sieht sie sich so, beschließt, in ein Wohnstift zu gehen. Sie will dieses epochale Ereignis ihrer Familie mitteilen und lädt zu einem Essen ein. Helmut, Ulrike und Konrad, ihre Kinder, sind auf unterschiedliche Weise auf dem Weg, sich selbst zu verlieren. Ulrikes Mann, vermeintlicher Draufgänger und Erfolgsmensch, schlittert von einer Katastrophe in die andere. Helmuts Sohn Ben, hypochondrisch und erfolglos im Beruf und Leben, von Zukunftsangst geplagt, und ähnlich perspektivlos wie sein Onkel Konrad, der nach Nervenzusammenbrüchen in psychiatrischen Anstalten lebt, und nach medikamentöser Einstellung immer wieder Fluchtpläne schmiedet, versagen ebenfalls die Nerven. Dann gibt es noch den Polen Janek, letzter Lebensgefährte von Johanna, der aber, spielsüchtig und verschuldet, versucht einen Selbstmord vorzutäuschen um seine Häscher zu verarschen, was ihm natürlich misslingt. Man sieht, eine ganz normale Familie. Nein, im Ernst, wenn so das Leben aussieht, dann würde ich es sofort nicht mehr wollen. Es gibt keinen Hoffnungsstreifen, nirgendwo, und der nächste Sturm kündigt sich schon an. Im shakespearschen Sinne endet alles, wie bei Hamlet oder Macbeth - im Blut. Eine absolut lesenswerte Gesellschaftsanalyse aus der Sicht einer vermeintlich normalen Familie, die aber, wie viele von uns, jeweils untragbare Säcke von Problemen schleppen müssen und die aber alles mühsam verbergen wollen. Manns Buddenbrooks, Updikes Rabbitromane und Frantzens "Korrekturen" standen auf jeden Fall hier Pate. Ausweglosigkeit wo man hinguckt. Man kann sich natürlich fragen, warum das alles? Schreibt hier ein, von seiner Familie gebeutelter Mensch, einen Racheroman? Ist er immer als letzter in die Mannschaft gewählt worden? Nein, ich will es nicht wissen. Der Roman ist lesenswert und deprimierend zugleich. Man muss erstmal Atem holen nach den letzten Seiten und sich eventuell neu einnorden.

 

Mathinna
Richard Flanagan, Atrium Verlag

Ein eigentümlicher Roman. Denn ich liebe eigentlich die fiktive Verquickung von Personen der Welt- und der Zeitgeschichte, wie z.B. bei Kehlmanns „Vermessung der Welt“ (der Entdecker Alexander von Humboldt und der Mathematiker Gaus) oder zuletzt Köhlmeiers „Abendland“ und/oder Richard Powers „Der Klang der Zeit“
Auch Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“, einen Roman, den ich in Achtzigern geliebt habe – und sogar einen Song daraus gemacht habe – beschreibt das Leben und Sterben des Polarforschers John Franklin (1786-1847), ein englischer Held, Seeschlachten gestählt und überzeugt davon, die Norwestpassage (die heute tatsächlich auf Grund der Klimaveränderung befahrbar ist) entdecken zu können. Nun habe ich das neue Buch „Mathinna“ von Richard Flanagan gelesen und einen zwiespältigen Eindruck. Denn nicht nur Sir John Franklin spielt in diesem Roman eine Hauptrolle, sondern auch einer der größten Geister der Weltliteratur, eben Charles Dickens.  Der Roman spielt in Tasmanien, wohin der träge Sir John als Gouverneur versetzt wurde, und in London.

Inhalt mal kurz: Lady Jane Franklin ist frustriert und kinderlos, will sich neu erfinden in dem sie eine Eingeborene (Mathinna) adoptiert. Dem schwerfälligen Franklin fällt die Grazie der Kleinen erst spät auf, dann aber mit Macht. Vor allem geht es in Tasmanien um das ganze Desaster der Kolonialisierung, der Ausrottung und der vergeblichen Christianisierung. Beispielhaft und eindringlich beschrieben. Und bevor Sir John zu seiner letzten Entdeckungsfahrt in den Norden aufbricht, hinterlässt er in Tasmanien abgrundtiefe Trümmer. Lady Jane, dann allein in London, hört Gerüchte, die Expedition Ihres Gatten sei jämmerlich gescheitert und bevor alle im Eis starben, hätte es Fälle von Kannibalismus gegeben. Sie bittet, den auch damals schon berühmten, Charles Dickens um Hilfe, dem es auch gelingt, die Ehre von Sir John über ein erfolgreiches Theaterstück, in dem er, Dickens, selbst mit spielt, zu retten. Der Erzählstrang Dickens ist auch geprägt von einem Riesenfrust familiärer Art, denn Dickens Frau ist nach 10 Kindern in die Unförmigkeit abgedriftet, und vollkommen lebensunlustig. Dickens dagegen ist nach und nach vernarrt in eine junge Schauspielerin in seinem Ensemble und lebt auf. Zwischenzeitlich treibt „Mathinna“ ihren eigenen Untergang und stirbt völlig ausgemergelt und jung an Dreck, Prostitution und Hunger.

Das hört sich irgendwie durcheinander an, ist es auch. Trotzdem bleiben alles drei Ebenen, Sir John/Lady Jane; Charles Dickens / Mathinna sprachlich auf hohem Niveau und das Buch legt man nicht so einfach an die Seite. Es hat aber nicht das Potential von Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“ denn die Selbstverleugnung alter Männer, die sich, ob nun platonisch oder real, in junges Gemüse verlieben, bleibt immer ein Thema

(Walser : Ein liebender Mann, etc) und es ist hier nicht so durchdringend getroffen.

Auch Lady Jane spielt eher eine nervende Rolle aber richtig Spaß macht es, gemeinsam mit Charles Dickens unterwegs zu sein. Seine Unsterblichkeit, sein Erfindungsreichtum sein schauspielerisches Talent, muss auch damals, vor über 150 Jahren, die Menschen in den Theatern Londons fasziniert haben.

 

Seichtgebiete - warum wir hemmungslos verblöden
Michael Jürgs , C.Bertelsmann

Vor ein paar Jahren hatte ich Gelegenheit bei einer Gedenkveranstaltung zum hundertsten Geburtstag von Herbert Wehner (2006), dem SPD Urgestein, ein paar Lieder zu spielen. Als Gastredner war Hans Jochen Vogel eingeladen. Damals auch schon stolze achtzig Jahre. Die SPD befand sich schon mitten im Niedergang - hatte ureigene Aufgaben an die Grünen und an die Linke abgegeben und war noch nicht ganz auf dem Weg zur Splitterpartei, so wie heute. Dieser Hans Jochen Vogel zog eine gesellschaftspolitische Bilanz, das den Schröders, Steinmeiers und Müntefering, die Ohren gewackelt hätten, wenn sie da gewesen wären. Vor mir stand ein hoch gebildeter Sozialist, der aber alt war/ist und keine Repressalien zu fürchten hatte. Kein Parteiausschluss oder sonst irgendeine Entlassung. Eben „elder statesman“. Und hier komme ich zu meinem Vergleich mit dem vorliegenden Buch „Seichtgebiete“ (warum wir hemmungslos verblöden) Vorab:  jeder, der noch ein wenig Grips im Schädel hat und noch nicht wirklich weiß, was medial abgeht, muss dieses Buch lesen. Jürgs hat selbst keine Hemmungen mehr, jetzt im Alter von 64 Jahren, mit gesichertem Einkommen - z.B. als ehemaliger „Stern“ Chefredakteur -, uns alles um die Ohren zu hauen. Dabei scheint das vordergründig lustig, wenn er sich über die Blöden hermacht, die Hartz 4 gestrandeten und sonstigem menschlichen Leergut. Die Seichtgebiete werden erobert von Primaten wie Mario Barth, Cindy aus Marzahn, etc. und dem ganzen Blödelrudel von Moderatoren und „Sendungen“ oder besser Prollformaten, der Privaten. Michael Jürgs hat überhaupt keine Skrupel mehr, denn wahrscheinlich hat er auch die Altersweisheitsmütze auf und ist deshalb unangreifbar. Aber egal: kein Sozialgeschwafel mehr von „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ oder sonstige soziologische Plattitüden. Wer blöd ist, ist eben blöd. Und das Fernsehen macht aus den Blöden noch Blödere. Herrlich die Kapitel -Überschrift „Kante statt Kant“. Was sich da vor unseren gepflegten Vorgärten zusammenrottet, ich will es eigentlich gar nicht wissen, muss ich aber. Die mediale Dynamik ist unglaublich, die Grundschulen gefüllt mit Resignation und Verwahrlosung, ein Rad das sich nicht mehr zurück drehen kann. Mit big brother fing das Elend an öffentlich zu werden, natürlich gab es vorher schön genug Blödheit, aber seit dem Beklopptheit im Fernsehen angesagt ist, und man auch nur noch so selbst mal kurz ins Fernsehen kommen kann, und man eine sms auf dem Handy findet, „Boah, geil, isch habdisch im Fernsehn gesehn, super“, ist der Drops gelutscht. Höhepunkt des Buches ist ein (leider) fiktives Tribunal im deutschen Bundestag. Thema: Wer ist Schuld an der allgemeinen Verblödung? Und alle sind da: Bohlen, Klum, Barth, Schrowange, ach, was weiß ich, eben alle, die an dem Elend mit schuldig sind, weil sie „mit“- machen. Und darauf kommt es an. So schlimm es sich anhört, und wie durcheinander der Text auch manchmal daher kommt, es ist ein Hilfeschrei nach einer Kulturrevolution. Leider ist das Wort schlimm besetzt, aber ich werde mich bemühen, es zu ersetzen, mit gleichem Inhalt und weiter gegen Verblödung ankämpfen, in dem ich z.B. meine Tochter bitte, doch Lehrerin zu werden. Die letzten Guten müssen dahin, adäquat bezahlt werden, also wie heute Studienräte, die es bei weitem nicht so schwer haben. Das Buch ist so was wie eine letzte Warnung. Unbedingt lesen und dem Autor ein paar unüberlegte Gedanken verzeihen.

 

Totenmesse
Arne Dahl, Piper Verlag

Im Gegensatz zu Dan Browns Illuminati oder Sakrileg und ähnlich mystischer- und pseudowissenschaftlicher Prosa, ist hier der Plot nicht weiter ärgerlich. Wenn es auch um die - oder eine der sogenannten Weltformeln geht, ohne die die Menschheit angeblich nicht zu retten ist. In diesem Fall "Energie" - ist ja immer angesagt. Und am Ende des Tages verpufft alles, weil irgendwer den Wert der Formel nicht erkannt hat und das Papier, auf dem der Weg der Menschheit in eine rosige Zukunft aufgezeichnet war, mangels Tabak, weggeraucht wird. Hört sich hanebüchen an, oder? Aber nicht bei Arne Dahl. Nach wie vor ist er mein absoluter Favorit der - fast unüberschaubaren Zahl - nordischer Krimiautoren. Er ist einfach der Analytischste von allen, mit einer gehörigen Portion Wut auf die gesellschaftliche Dynamik im Allgemeinen und ihrer Auswirkung auf die Polizeiarbeit (und hier in Schweden) im Besonderen. Immer wieder spickt er punktgenaue, politische Statements von unbestechlicher Logik in seine intelligent aufgebauten Krimis ein, die wiederum mit dem jeweiligen Fall und den eifrigen Akteuren im Polizeidienst, korrespondieren. Und es ist schön mit denen älter zu werden; Paul, Kerstin, Arto Viggo, Lena, Gunnar und was weiß ich. Wie es sich für einen anständigen nordischen Krimi gehört, fangen die Handlungsstränge so an, dass man sich eigentlich nicht vorstellen kann, wie die und ob die überhaupt irgendwann zusammenfinden. Aber da kann man sich schon sicher sein. Die Spezialeinheit der Polizei in Stockholm, das sogenannte A-team, steht vor einem, nein, mehreren Rätseln. Unversehens wird aus einem Banküberfall mit Geiselnahme ein Fall mit weltpolitischer Dimension, der kalte Krieg, der Kessel von Stalingrad, die ganze Agentensuppe, die nach dem Mauerfall oder früher, sich neu orientieren muss. Und vieles interessantes mehr. Und wieder mal muss ich mir von Dahl Weltgeschichte erklären lassen und ich weiß verdammt noch mal nicht, warum ich das nicht wusste. Wurde uns das in der Schule vorenthalten? Ist der Hitler- und der Naziwahnsinn zu sehr mit der Judenvernichtung und den Weltmachtansprüchen einer hirnlosen Nazi-Elite verbunden? Dahl klärt auf: der zweite Weltkrieg wurde von Hitler begonnen zur Erlangung der Vorherrschaft im Energiebereich. In der Region um Stalingrad wurden damals Ölreserven vermutet, oder schon gefördert, mit der Hitler seinen Weltwahn zementieren wollte. Also nichts anderes als heute, siehe Golfkriege, etc.. Der erste Weltkrieg wurde verloren (nach Nazimeinung), weil Benzinnachschub für die Panzer ausblieb. (Wir hatten ja  nichts) Ja, ich gebe zu, diesen Teil der Geschichte kannte ich nicht. Das über dem Kessel von Stalingrad die Luft vor Russ und von den brennenden Ölquellen nicht mehr atembar war und die Sonne auf Monate verdunkelte, ich wusste es nicht. Es kommt auch, glaube ich, in den Filmen über Stalingrad gar nicht vor. Sei` s drum. Totenmesse ist wieder mal ein spannendes Werk von Arne Dahl und absolut empfehlenswert

 

Abendland
Michael Köhlmeier, Hanser Verlag

Es ist jetzt ca. fünf Jahre her, da habe ich von Richard Powers "Der Klang der Zeit" gelesen. Ein wunderbares Buch über eine weite Strecke des 20. Jahrhunderts vornehmlich in den USA, aber nie kommt die Welt außerhalb zu kurz. Es geht um die Geschichte zweier Brüder mit außergewöhnlichen Talenten, der eine Pianist und er andere noch ausgestattet mit einer klassischen Gesangsstimme, die auf der ganzen Welt für Furore sorgte. Eine Mischung aus Zeitgeschichte und Fiktion, Rassenhass und Familienbande und Musikbeschreibungen, ach, was weiß ich - eben ein außergewöhnliches Buch. Und nun bin ich wieder bei so einem Buch gelandet, wo die Musik und die Zeitgeschichte, eine große Rolle spielt, "Abendland", ein Buch was mich sprachlos macht. So viele Geschichten in der Geschichte, in der Geschichte, in der Geschichte - und es wird nie zuviel. Zwei Handlungsstränge überwiegen, zum einen die Lebensgeschichte des Carl Jakob Candoris und zum anderen die, ich sage mal vorsichtig, seines Biographen Sebastian Lukasser. Sebastian ist vom hoch betagten Carl gebeten worden, sein Leben zu notieren. Und das birgt schon so viel, dass es für ein eigenes Buch gereicht hätte.
Die Musik, hier ist es der Gitarren - Jazz, spielt eine große Rolle denn Sebastians Vater George Lukasser, galt in den "einschlägigen Kreisen" als Gitarrenvirtuose, bekannt wie Chet Baker oder Barney Kessel. Carl war sein Mäzen, und so eine Art Übervater, schließlich auch für den jungen Sebastian. Hier versteht Michael Köhlmeier alles zu verbinden: ich bin einfach nur begeistert, so viel 20. Jahrhundert geliefert zu bekommen, und das fast gar nicht auslässt. Vom Kolonialismus bis zur Baader - Meinhof Gruppe, Weltkriege, kalter Krieg und die Leichtigkeit des Seins, von New Yorker Jazzclubs bis nach Innsbruck, Wien und Lissabon. Vom Bau der Atombombe, in einer Unmittelbarkeit, als wären Oppenheimer und Bohr nur dazu da, für dieses Buch zu parlieren, von Agententätigkeiten und Mordplänen. Alter, Gebrechen, Prostatakrebs, Erziehungsdefizite und Bindungsschwäche. Alles in allem verbindet Köhlmeier die Geschichte mit dem Leben seiner Hauptfiguren, und es ist nicht nur ein pralles Buch, sondern auch ein wunderbarer, hochintelligenter Roman entstanden. Nicht abschrecken lassen von der Seitenzahl, jede ist es wert, nicht nur einmal gelesen zu werden.

 

Frei von Schuld
Chris Tvedt, Verlag Knaur.

Man nehme den typischen Anwaltsallrounder, in diesem Fall Strafverteidiger, mit Marlowe -Allüren und Alkoholproblemen, Beziehungsunfähigkeiten und ständigen Geldproblemen. Schon haben wir wieder einen dieser überall in der westlichen Hemisphäre lebenden Spezies. Der Schauplatz ist diesmal Bergen in Norwegen und unser Anwalt heißt Mikael Brenne. Er steuert sich, durch seine eben beschriebenen Probleme, in eine kaum zu lösende Falle, für die er aber selbst sorgt. Der Plot ist selten genug und ich habe durchaus Respekt vor der Idee: ein Strafverteidiger vertritt den als Mörder angeklagten Mandanten und ist allerdings selber der Mörder, was erschwerend hinzu kommt. Der gordische Knoten, der hier durchhauen werden will, ist klar: er will einen angeblichen, aber durch verschiedene Indizien so gut wie überführten Mörder frei kämpfen ohne sich selbst in Verdacht zu bringen. Wir sind als Leser immer mittendrin, und verfolgen das Dilemma durchaus mit Sympathie. haben wir es doch hier mit dem üblichen skrupellosen Mafiagesocks zu tun, diesmal aus Südosteuropa, allerdings mit dem kleinen Hinweis, dass sich schließlich Brenne selbst von diesen Widerlingen hat anheuern lassen. Dazu kommt eine gesunde Mischung von Romanzen und Fehltritten und ich will es vorweg nehmen, sogar ein happy end. Das wohl deshalb, weil es ein sehr guter Debütroman ist und wir wohl bald einen nächsten Fall mit Anwalt Brenne haben werden, wahrscheinlich auch bald im Fernsehen. 22 Uhr Sonntag, ZDF. So ungefähr muss man sich das alles vorstellen. Genuss ohne Reue,

 

Driver
James Sallis, verlag heyne   

"Ausgezeichnet mit dem deutschen Krimipreis" und "Absolut meisterhaft - ein grandioser Thriller (Tobias Gohlis, Die ZEIT" ) - wow, was für Komplimente auf dem Buchdeckel. Normalerweise bin ich dann sofort skeptisch. Doch tatsächlich entpuppt sich das Büchlein als fein konstruierte, auch literarisch überraschende Geschichte, die vom Genre aber eher an einen guten Western erinnert. Dabei geht es bei Driver natürlich nicht um Pferde sondern um Autos. Aber das ist austauschbar. Und in den Hauptrollen braucht man sich bei "Driver" nur zwei Riesenschauspieler vorstellen, Clint Eastwood oder Steve Mcqueen. Dann kann die Geschichte abgehen. Der Driver ist Stuntman, nicht irgendeiner sondern der Beste, ist klar. Wortkarg und mürrisch, und da er der beste Fahrer von allen ist, lenkt er ab und an mal gegen gutes Honorar einen Fluchtwagen. Einmal allerdings soll er bei einer dieser Coups verarscht werden. Nicht mit Driver. Clint McQueen hat die letzte Antwort. Gute Sommerunterhaltung für einen Regennachmittag und überschaubar als Taschenbuch mit 159 Seiten. Nur nicht hinterher ins Auto setzen.

 

Hausaufgaben
Jakob Ajourni,  Verlag Diogenes

An Musils "Mann ohne Eigenschaften" erinnert mich der Lehrer einer gymnasialen Oberstufe für Deutsch, Joachim Linde (geht es "Deutscher"?), der in Arjournis an die Nerven gehendes Werk, die Hauptrolle spielt. Alles geht aus von einer Deutschstunde, die an der Nazi - Schuldfrage der Deutschen und seine Auswirkungen bis heute, aus dem Ruder gerät. Hier entwickelt man eine obskure Solidarität mit dem überforderten Lehrer, aber die Geschichte hat es in sich. Der Mann selbst ist sich seiner Sache  und seines Lebens nicht sicher hat aber in seinem Leben ein Riesentalent entwickelt, alles auf die anderen zu schieben. Rhetorisch durchaus gewand, windet er sich durch familiäre Katastrophen, die ein wenig den ertragbare (auch literarisch und somit auch für den Leser) Leidensdruck übersteigen: seine Frau klinisch depressiv, Tochter suizidal und Sohn neurotisch. Da kommt viel zusammen. Und Ajourni gelingt es tatsächlich mitreißend zu erzählen. Man ist hin - und her gerissen und am Ende sogar etwas ratlos und froh, auch nicht ansatzweise in solch einer Lebens- und Umfeldsituation leben zu müssen. Unbedingt lesen.

 

Das Spiel des Engels
Carlos Ruiz Zafon, Verlag S.Fischer

Alleine die Seite 276 aus dem "Spiel des Engels" lohnt die Lektüre des ganzen Buches. Selten habe ich eine so treffende und kompakte Erklärung dafür gelesen, warum Menschen glauben, bzw. warum es Religion überhaupt gibt. Letztendlich beliebig, weil alles aus dem gleichen Grund vorhanden: "der Glaube, jedes Ideal ist also nichts weiter als eine Fiktion?" fragt David Martin, dessen Lebensgeschichte Riuz hier beschreibt. Allerdings muss ich gleich einschränkend hinzufügen, dass mir das Buch nicht so gefallen hat wie "Der Schatten des Windes". Beim "Spiel des Engels" geht es tatsächlich um einen Engel (nur nicht so, wei man sich Engel landläufig vorstellt - der Engel verkörpert hier auch eher das Gegenteil) und als zweifelnder Mensch an metaphysischem und übersinnlichem Kram, wird man doch leicht müde. So furios das Buch startet, um so mehr Längen finden sich im zweiten Teil. Es war sogar so, dass ich im dritten Drittel drauf und dran war, das Buch zur Seite zu legen. Aber wie gesagt, die Seite 276...!

 

Der verbotene Ort
Fred Vargas, Aufbau Verlag

Die zweite Fred Vargas Enttäuschung innerhalb von zwei Monaten. Verziehen habe ich ihr den Ausflug in den Comicstrip (Das Zeichen des Widders) bei dem sie wohl einen ihr bekannten Zeichner, eine Art Kultursponsoring lieferte. Die Geschichte war knapp und unspektakulär. Sei` s drum. Hier geht es um den verbotenen Ort. Wie damals in Quebec (siehe "Der vierzehnte Stein") ist Kommissar Adamsberg mit seinem Commandanten Danglard auf einer Art Weiterbildung in London. Bei einem Ausflug stoßen sie vor dem berühmt - berüchtigten Friedhof Highgate auf siebzehn herrenlose Schuhe - allerdings mit abgeschnittenen Füßen drin. Eine gute Vargas Eröffnung. Was dann kommt, ist nicht die Fred Vargas meiner letzten Jahre. Es gibt zwar noch unglaubliche Verbrechen, Zerhackungen und Zerstückelungen, aber die Geschichte ist nicht rund. Wenn es dann im tiefen Serbien um Vampire geht, um Jahrhunderte alte Familienfehden, dann plötzlich aus dem nichts, noch ein naher Verwandter Adamsbergs auftaucht, der in Zukunft wohl noch eine wichtige Rolle in seinem Lebens spielt, so bleiben zwar die Dialoge gewohnt skurril, aber sie helfen dieser (fast bin ich geneigt zu sagen- hanebüchenen- Story) diesmal nicht weiter. Nein, das Buch strengt sogar an. Es fehlt mir die Leichtigkeit der frühen Jahre. Und im Willen, etwas noch Verrückteres zu schaffen, neue und seltsame Fäden in die Biographie von Adamsberg einzubauen, hat sie diesmal überzogen. Bloß nicht als Einstiegskrimi für kommende Vargas Freunde empfehlen. Am besten anfangen mit "Das Orakel von Port Nicolas". Und den verbotenen Ort umfahren vielleicht umfahren.

 

Frau Sorgendahls schöne weiße Arme
Lars Gustafson, Verlag Hanser

Bewegende (Alters-) Prosa
Lars Gustafson ist für mich einer der besten Autoren des philosophischen Romans. Vielleicht gibt es diese Katalogisierung gar nicht, aber ich bewundere diese Weltklugheit, diese Weitsicht, dieses auch naturwissenschaftliche, immense Wissen von Gustafson, welches immer wieder hier und aus den Seiten perlt. Früher habe ich seine Sätze gerne unterstrichen (Z.B in „Die Sache mit dem Hund“ oder „Der Dekan“), aber wenn ein Buch in Gänze gut ist, dann bleibt eben die Gesamtunterstreichung. Es ist beängstigend gut, wie uns Gustafson in der Gestalt eines Oxforder Philosophieprofessors an die Eigentümlichkeiten des Alters heranführt. Nämlich die unaufhaltsame Deutlichkeit des Langzeitgedächtnisses im Gegensatz zum unerträglichen Gesabber und Geplapper von heute. Er denkt über seine Jugendzeit nach und speziell die Spannungen des Erwachsenwerdens, über den aufkeimenden (vor 68ger) Widerstandes der Jugend gegen barsche Schulstrukturen und die ersten Zärtlichkeiten und Staunereien über das andere Geschlecht. Und ich wiederhole es, das alles ist gepaart mit einem profunden philosophisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund, welcher uns wie nebenbei (Besonderheiten) der Astrophysik nahebringt, was man aber alles nicht wirklich verstehen muss. Wer kennt schon den Begriff des Möbiusbandes (Die Zeit hat kein Anfang kein Ende und wenn überhaupt nur eine Kante) und wenn wir am Ende des Buches in den schönen weißen Armen von Frau Sorgendahl gelandet sind, dann wissen wir, es gibt Menschen auf dieser Welt, die auch im hohen Alter Ruhe bewahren und die Dinge ihren Lauf lassen. Wenn dazu gehört, solch ein kleine Meisterwerk zu schreiben, welches vielleicht zufällig entstanden ist (denn manchmal hat man das Gefühl, Gustafson hat den Roman beim Schreiben entwickelt), dann kann man vielleicht wieder ein wenig ruhiger dem Lauf der Dinge entgegen sehen.

 

Das Herz des Jägers
Deon Meyer, Verlag Rütten & Loening

Gut ich habe Deon Meyer mit "Der Atem des Jägers" kennen gelernt und war ziemlich begeistert. Nahtlos freute ich mich auf "Das Herz des Jägers". Leider hält das posthum (noch mal) veröffentlichte Buch dem erst gelesenen qualitativ nicht stand. Die Sache ist, wie so oft, klar: "Das Herz des Jägers". wurde ein paar Jahre früher geschrieben. Zwar werden wir hier mit der Hauptfigur Thobela bekannt gemacht, und die ganze Geschichte dieses wilden Kämpfers und Agenten zu kennen, macht ja Sinn, aber die Geschichte nimmt nie wirklich Fahrt auf. Sie wird immer wieder von eigentümlichen Rückblicken durchstoßen und manches davon ist auch tatsächlich unerheblich, wenn ich mir das mal anmaßen kann. Diesen Roman zu Ende zu lesen ist wirklich anstrengend, und was was den "Atem des Jägers" ausmachte, nämlich viel über die Zerrissenheit von Südafrika zu erfahren, vermisse ich hier. Und die wilden Verfolgungsjagden, Thobela flieht auf einer gestohlenen BMW durch die Weiten des Kontinents, um eine Diskette mit brisantem Material nach Sambia zu bringen, ermüden auf Dauer. Also ich bleibe dabei: zuerst "Der Atem des Jägers" lesen und dann auf den wirklichen Nachfolgeband warten

 

Stalking
Jason Starr,  Verlag - Diogenes

Vor diesem Buch kann ich nur warnen. Ich habe lange nicht mehr was Dämlicheres gelesen. Wieder einmal wundere ich mich über Lobpreisungen und Auszeichnungen auf dem Umschlag. Im Grunde geht es, ähnlich wie in diesem ebenso flachen wie hoch gelobten Katharina Hacker Roman "Die Habenichtse" um gefühllose Idioten, diesmal in der Metropole New York, die nichts anders im Sinn haben, zum ersten mal Analsex zu haben und Bräute zu sammeln. Dazu der übliche Körperkult von BWL Yuppies und Bank Beschäftigten (selbst eine erstrebenswerte Anstellung bei "Leman brothers" und/oder bei den anderen Verbrecherbanken werden so nebenbei erwähnt) machen das Buch, sowohl grottenschlecht als auch schon im Erscheinungsjahr anachronistisch. Ach ja, da gibt es ja noch eine Stalker Geschichte eines Psychopathen... gut, ich habe das Buch bis zur Mitte gelesen, und dann das Ende. Und da war ich froh, das Buch so früh weggelegt zu haben.
Ich verstehe den Verlag nicht.

 

Himmel und Hölle
Jon Kalman Stefansson, Verlag Reclam

 Im Darwinjahr fällt mir dieses Buch zufällig in die Hände und irgendwie wird Island für mich ein wenig zum Galapagos Archipel, denn dieser eigentümliche Menschenschlag, der da so prosaisch und hoch beeindruckend beschrieben wird, hat etwas ganz eigenes entwickelt. Quasi aus den Tiefen der Islandsagen erwachsen und sie kommen nicht - und wollen es auch nicht - von den Mythen und Legenden weg, die ihr Leben prägen und das sie so fortsetzen. Da ist zum Beispiel die absolute Abhängigkeit vom Meer und die eigentümlichen Geschichten rund herum. Entweder sind sie alle selbst schon Trolle oder zumindest auf dem Weg dorthin - Menschen, die sich weigern schwimmen zu lernen, weil der Herr ihnen ja sonst Flossen gegeben hätte. Auf der Suche nach der Atmosphäre dieses Buches bin ich bei einem weiteren bedeutenden Autor fündig geworden: Christoph Ransmayrs "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" macht ähnlich frierend bei der Lektüre. So düster und eisig alles auch beschrieben ist, so hochphilosophisch wird hier vom Leben erzählt. Unglaubliche Zitate, bei denen das Herz aufgeht. Beispiel? "Manche Worte können wahrscheinlich die Welt verändern, sie können uns trösten und unsere Tränen trocknen. Manche Worte sind Gewehrkugeln, andere Geigenklänge. Manche können den Eispanzer um das Herz zum Schmelzen bringen. Und doch taugen Worte nicht viel, und wir verirren uns auf den öden Hochlandheiden des Lebens und gehen verloren, wenn wir nichts als einen Stift zum Festhalten haben." Wahrlich kein Buch für Unterhaltungsjunkies, eher ein Buch für Menschen, die den Rand des Lebens erahnen, den Sinn nicht mehr suchen, aber das Beste draus machen.
Es ist die Geschichte eines Jungen den wir begleiten, was weiß ich in welchem Jahrhundert? Ist das wichtig? Gut, sagen wir vor ca hundert Jahren, er geht mit einem Freund, der John Miltons Verse aus dem "Verlorenen Paradies" innerlich bebend auswendig lernt und so vergisst seinen Anorak beim rausrudern auf einer Nussschale zum Dorschfang vergisst, anzuziehen. Das Eis, der Donner, der Schnee, die Schrecken der See allgemein, kommt über sie und der Freund stirbt an der Kälte. Unglaubliche Beschreibungen vom Kampf mit der tobenden See und dem Überleben. Der Junge macht sich auf, das Buch zurück zu bringen. Tappert halb erfroren durch die Kälte starrenden Hochheiden mit den lauernden Felsen und Bergen, die scheinbar selbst leben, wachsen oder schrumpfen - je nach Lichteinfall und Wetter. Und er landet am Ende des Tages am Tisch in einem Wirtshauses , wo er einen hünenhaften Kapitän mit Bierflaschen versorgt und einem blinden Teufelskerl den Kaffee nachschüttet. Das Buch zeigt, was alles möglich ist auf der Welt. Wie ein Gemälde vor dem man schaudernd steht, nein ehrfürchtig.

 

Mitten ins Gesicht
Kluun,  Verlag Fischer

Come on baby, light my fire - The doors !" You know that I will be untrue, you know that I will be a liar..." So stellt der niederländische Erfolgsautor Raymond van de Klundert, kurz Kluun, all seinen Kapiteln irgendeine Zeile aus Rocksongs, Büchern, Filmen, etc., vorwiegend aus den achtziger und neunziger Jahren, voran. Diese Doors - Zeilen fehlen. Mag sein, dass zwischen uns eine ganze Generation liegt und er deshalb Jim Morrison (s. o.) vergessen hat. Auch fehlt Frank Zappa mit seinem legendären Bobby Brown "Tell all the girls, they can kiss my heini..." aber zumindest hat er Bruce Springsteen immer auf dem Schirm - und das macht ihn wiederum sympathisch. Das ist auch mein Wort des Einstiegs: wie kommt es, dass mir so ein Arschloch, so ein abgewichster Lügner und penetranter Werbeidiot, ohne Geldsorgen im Cocktailsumpf trendiger Discos, dieser Sexmaniac und Egoist, dieser speed- und extasy durchschüttelte Yuppie, mir einfach sympathisch ist? Vielleicht die ausgleichende Liebe zum Fußball, in diesem Fall die akribischen Aufstellungen von irgendwelchen Europacupschlachten von Ajax gegen sonstwen. Einig sind wir uns auch, dass van der Saar der beste Torwart der Welt ist (ich bin auch Torwart, ich kann das beurteilen). Komm, ich will mich nicht weiter herumdrücken: ich habe am Ende geweint, in einem Cafe vor allen Leuten, am Tisch mit meiner Tochter und meiner Frau - und ich habe mich nicht geschämt. Dieses Buch ist so schonungslos wie verantwortungsvoll - es zeigt eine westliche Lebensweise ohne jede Philosophie und somit auch ohne Halt (-ung), in der der Tod einfach nicht vorkommen darf.("The world is young, and so am I, we can dance..." man without hat) Der Sensenmann kommt aber, und das so grausam nah, so direkt, dass es einem den Hals zuschnürt. Es geht um einen aggressiven Brustkrebs seiner Frau Carmen und den verzweifelten wie nutzlosen (Über-) Lebenskampf. Und es geht um Kluuns Art (oder, provokativ, die der Männer allgemein?), damit umzugehen, mal milde ausgedrückt. Da verliert er sich in Orgien und Saufurlauben und noch während er sich in irgendwelchen fremden Betten herumfläzt, denkt er schon wieder über die nächste Lüge nach - um bei Carmen heil aus der grade angerichteten Katastrophe zu kommen. Es ist nicht so, dass Carmen nicht vorher wusste, dass sie mit Kluun einen notorischen Seitenspringer geheiratet hat, aber sie dachte wohl, das versendet sich irgendwann, evtl. mit der Geburt der gemeinsamen Tochter Luna. Nichts da, "Hier stehe ich (- oder besser, hier steht er-) Ich kann nicht anders" (war das Luther? Egal) Der Brustkrebs ist höllisch, es kommt zu schrecklichen Chemotherapien und Bestrahlungen, bei dem jeder Mensch sich selbst verliert. Carmen kämpft solange es geht, und Kluun, immer zwischen Selbstmitleid und der "bis das der Tod Euch scheidet" - Verantwortung taumelnd, findet in diesem Strudel doch noch halt in Roos, einer anfangs flüchtigen, später um so wichtigeren Bekanntschaft. Mit ihr teilt er die letzten Geheimnisse, auch die über Carmens Untergang, aber auch, und das ist das Gemeine an dem Buch, Sex, und der passiert eben auch mit dem vollen Bewusstsein, dass Carmen grade zu Hause vor Schmerzen schreit. Ich will und kann es nicht bewerten, vielleicht insofern, dass sich jeder (Mann) einfach mal fragen sollte, wie echt ist das alles? Wie bin ich, oder, wer bin ich? Jetzt, wo alles noch gesund ist? Was passiert "when I´m sixtyfour"? (Dieses Zitat kennt Kluun natürlich) Also gut, ich ringe mich durch - unbedingt lesen!

 

Empörung
Philip Roth, Verlag Hanser

Wir kennen die Lichtgestalten der vergangenen (literarischen) Epochen. Goethes "Werther": ein intelligenter, hochsensibler, schwärmerischer junger Mann - schreibt im ausgehenden 18. Jahrhundert seinem Freund Wilhelm Briefe, über seine Verzweiflung und die Aussichtslosigkeit der Liebe und über gesellschaftliche Zurücksetzungen. Holden Caulfield, der "Fänger im Roggen" von Salinger, auch ein Mensch, der an den gesellschaftlichen Verhältnisses zerbricht und auch Kleists Michael Kohlhaas ist einer, der durch seinen verzweifelten Kampf gegen das System riskiert, alles zu verlieren, was ihm wertvoll ist. Doch am nächsten kommt Robert Musils Törleß der Gestalt Marcus Messners in Philip Roths bewegender Prosa "Empörung". Musil beschreibt in der Figur Törleß die Geschichte einer Identitätsstörung mit geradezu klinischer Dichte. Marcus Messner ist der Sohn eines koscheren Metzgers in schweren, ärmlichen Verhältnissen der frühen fünfziger Jahre in einer Kleinstadt an der Ostküste. Der Koreakrieg reißt tiefe Wunden in den amerikanischen Traum und der Vater von Marcus leidet an Verfolgungswahn, indem er seinen geliebten Sohn vor lauter Angst, es könne ihm "irgendwas" passieren, am liebsten in einen Schrank einsperren will. Marcus flieht aus dem psychopathologischen Elternhaus in ein beschauliches College 500 Meilen von zu Hause. Hier will er fleißig studieren, einen Einser - Abschluss machen und vielleicht mal Anwalt werden. Alles kommt anders und endet in mehreren Katastrophen. Der imposanteste Auftritt in dem Buch ist Marcus` Besuch bei dem Dekan des College, der in einer Brandrede über Bertrand Russels Essay aus dem Jahre 1927 "Warum ich kein Christ bin" endet. Marcus ist Fan von Russel und kennt den Essay nahezu auswendig, weil er früher in der Highschool Mitglied in einem Debattierclub war. In einer beispiellosen Wut auf die scheinheilige Arroganz des Dekans mit seinem unsäglichen Patriotismus und klerikaler Kleingeistigkeit, schreit sich Marcus Messner in Rage und übergibt sich im Zimmer des Dekans. Nach einer überstandenen Blinddarmoperation eskalieren die Ereignisse im College immer mehr und Marcus verliert sich in der verzweifelten Suche nach Olivia, die ihm am Anfang seiner Zeit im Winesberg College ein Erlebnis bescherte, das auch sonst kein Mann in seinem Leben vergessen wird. Die hohe Kunst des Buches liegt auch darin, dass es in oder aus einer Dimension geschrieben ist, die nicht wirklich existiert, aus einer Art Ewigkeit heraus, denn nach einigen Hinweisen Roths in der Geschichte von Marcus als Ich Erzähler, begreifen wir, dass Marcus tot ist. Und quasi aus dem Jenseits erzählt. Ein bewegendes Buch. Und so ganz anders als die von ihm gewohnten Romane über alternde New Yorker Juden oder Professoren, die trotz Haarausfall und zitternden Händen, den Frauen nachstellen. Dieses Buch, wenn auch mit überschaubaren 200 Seiten, ist unbedingt zu empfehlen. Allein schon wegen der perfekten Analysen Bertrand Russels zum Gottesbeweis (das es eben keinen gibt), die aktueller ist, den je.

 

Die Kunst des Scheiterns
Konstantin Wecker, Verlag Piper

Da nimmt man ein Buch zur Hand, weil es eben da liegt oder wie in meinem Fall, weil es der Partner zum Geburtstag bekommen hat. Welch eine glückliche Fügung, denn eigentlich meine ich, dass ich das Buch hätte kriegen müssen. Konstantin Wecker, einer meiner Liedermacherheroen, Vorbild will ich ihn vielleicht nicht nennen, aber er brachte auch bei mir das lyrische Element in meine Arbeit. Aber um die geht es ja nicht, vielleicht ein anderes Mal. Hier geht es um einen Mann, der immer zwischen kraftstrotzender, animalischer und schweißdurchtränkter Bühnenarbeit und jenem dünnen Eis der Existenzängste und Fluchten hin und her sprang - aber heute vielleicht nicht mehr springt. Viele seiner Verse, Reime und lyrischen Bilder, zitiere ich noch aus dem ff., wie "Noch kriegt ihr mich nicht dran, es ist noch viel zu viel zu tun, auf jenem Blatt, das Lorbeer heißt, will ich nicht ruhn, ich will die Feigheit rennen sehn..." und so weiter. Und jetzt lese ich endlich mal seine Geschichte, die mir ein schlechtes Gewissen bereitet. Denn ich habe mich in all den Jahren oft in der Bewertung dieses Menschen von, sagen wir es ehrlich, Klatsch und Tratsch und wirren Koksgeschichten und - Gerüchten, beirren lassen, was mir heute leid tut. Denn ich hätte alles besser wissen müssen. Hier geht es um eine hochsensible Vita, geprägt von christlich, spiritueller und hochintellektueller, humanistischer Einstellung, geprägt von einem Elternhaus, welches in finsteren deutschen Zeiten den Rücken grade hielt. Trotz oder deswegen, wie so oft, muss der Jugendliche Konstantin sich reiben, an den Verhältnissen im dumpfen Bayern München, er bricht aus und das bis heute. Es ist für mich ein wichtiges Buch, weil ich seit den Siebzigern auch gegen die Verhältnisse anschreibe und -singe, und ich weiß durch dieses Buch, wie tief man als Künstler fallen kann, wenn man sich ganz oben wähnt. Ein Popstar des kritischen Songwritings zu sein, davon darf man träumen, klar, aber die Extreme, die Nähe zwischen Genie und Wahn, kann eine Persönlichkeit zerrütten. Schön, dass er es geschafft, zu überleben. Das war wohl nicht leicht - eine Quintessenz aus diesem Buch, denn ich denke das will er vermitteln. Was mich vielleicht ein wenig stört, ach eher überhaupt an Autobiographien, sind die vielen Zitate von Philosophen, die das grade Gesagte, entweder einleiten oder bestätigen, bzw., dass man nun nach dieser oder jener Weisheit, sein Leben geändert hätte. Mir kommt es so vor, und wahrscheinlich stimmt das auch, dass da ein Buch existiert für Autoren, die für jeweilige Lebenslagen philosophische Zitate brauchen. Früher machte mir das immer ein schlechtes Gewissen, denn ich habe tatsächlich gedacht, die hätten alle diese Philosophen komplett studiert. Alles Quatsch. Heute weiß ich selbst wie das geht. Bewundernswert, das Editorial: eine Aufzählung seiner bisherigen Arbeit, und das ist wirklich unglaublich - da fragt man sich, woher hat (hatte) er all die Energie?

Ich freue mich jetzt jedenfalls auf einen gemeinsamen Auftritt im Juli 2009 bei "Songs an einem Sommerabend" in Oberfranken. Da werde ich mich wohl ganz klein fühlen. Und er wird mich fragen "Warum" oder "Um was geht es eigentlich im Leben?" Stimmt.

 

Das Zeichen des Widders
Fred Vargas

Zumindest gewöhnungsbedürftig.
Mein erster Roman von Fred Vargas war "Das Orakel von Port-Nicolas". Schnell folgten andere Highlights wie "Der vierzehnte Stein", "Fliehe weit und schnell" oder zuletzt "Die dritte Jungfrau". Ich war immer begeistert. Fred Vargas versteht es, skurrile Geschichten, Charaktere und Gedanken zu einzigartiger Prosa zu vermengen, wobei mir das Wort "Kriminalroman" schon fast zu billig daher kommt. Der Aufbau, das Gespür für vermeintlich unwesentliches, welches sie in die Gedankenwelt ihres Protagonisten Kommissar Adamsberg und seinem zwar alkoholabhängigen, gleichwohl genialen Partner Danglard, legt, ist einfach einsame Klasse. Nun bekomme ich ihre neue Produktion "Das Zeichen des Widders" geschenkt und habe mich mit Freude draufgestürzt. Kaum habe ich angefangen, war ich schon fertig. Dieser "Roman" ist zwar routiniert im Vargasstil konstruiert, hätte aber als Büchlein erschienen, nur ca. 150 Seiten, wenn überhaupt. Die ganze Geschichte ist ein Comic Krimi. (Zeichnungen eines gewissen Baudoin) Da muss man schon durchatmen, denn ich habe mich auch schon früher selten für dieses Genre interessiert. Und hat man einmal die Figuren gezeichnet gesehen, dann reicht mir das im Grunde. Also ich weiß echt nicht, was das soll. Alles andere ist schnell erzählt.
Ein durchgeknallter, selbsternannter Guru, eine Mischung aus ekeligem Zeug, Esoterik und vermeintlicher Spiritualität, alles krude, wird von zwei Straßenkids in gewohnter Manier überfallen. Dieser Verrückte hat es allerdings in sich und weiß sich zu wehren, denn all seine kleinen Heiligtümer, uralte Zähne, Haarbüschel, etc. sowie 30000 €, haben die Jungs mitgehen lassen. Er spürt einen von Ihnen auf und bringt ihn kurzerhand um und hinterlässt Rätsel in Form eines eingeritzten Widdersymbols auf der Haut. das erinnert unsere Polizisten an frühere Fälle. Wir sind also auf der Spur eines verrückten Serienkillers. Einer der beiden Jungs versucht mit heiler Haut davon zu kommen, das klappt aber nur mit dem genialen Beistand von Adamsberg. Zwischendurch erzählt uns Vargas von einer außergewöhnlichen Familie, wo der Vater, ein bildender Künstler aus Abfallprodukten den Berninibrunnen in Rom, nachbaut. Ach ja, was soll ich sagen, ich empfehle dieses Buch all denen, die Comics lieben und sich darüber vielleicht mal angewöhnen auch Romane lesen zu wollen. Aber sonst?

 

Bücher 2008

Der Schläfer
Daniel Silva, Verlag Piper

Wieder mal bin ich nur zufällig auf einen Autor gestoßen. Da fragt man sich doch, warum sagt mir keiner was? Jeder weiß doch, dass ich gute, spannende und vor allem exzellent recherchierte Bücher liebe? Da schreibt dieser Silva seinen fünften Spionagethriller um den israelischen Geheimagenten Gabriel Allon, und bis dato habe ich nichts davon gehört. Gut, man kann nicht alles lesen, hat seine Vorlieben und sicher gibt es auch in der Literatur Parallelwelten und es ist auch gut so. Nun denn, ein klasse Buch. Vor allem beeindruckt mich die neutrale Position, die Daniel Silva beschreibt. Der Nahost-Konflikt und seine Geschichte, die Sache der Palästinenser und der Juden, die Vertreibungen, die Lager, die Bombenattentate, Selbstmordkommandos und der Zustand der Welt, wird nicht einseitig beschrieben, nein - bei aller Brutalität der jeweiligen Vorgehensweise, gibt es eine Singularität, auf die man sich immer wieder interessiert stützen kann. Alles hat seine Ursache, in bescheuerten Religionen und daraus resultierenden Fanatismen zum Beispiel. Gemeinsam ist allen Beteiligten, dass der "Globus quietscht und eiert" aber man selbst sehen muss, dass man überlebt. Und dafür, eben für Israel, ist der Geheimagent Gabriel Allon da. Im vorliegendem Buch misst er sich mit dem Spross einer Terroristenfamilie in der dritten Generation, der im Mantel eines biederen Frauenlieblings und Archäologieprofessors, blutige Spuren in Europa hinterlässt. Es ist Sache von Gabriel Allon, ihm auf die Spur zu kommen. Bis dahin ist es ein spannender, hochinformativer Ritt durch die Zeit - und Kulturgeschichte nicht nur Vorderasiens, denn auch Gabriel als Restaurator von Gemälden alter Meister, wird wie nebenbei, hochintelligent vermittelt. Dass ich irgendwie die ganze Zeit Bruce Willis vor Augen habe, der in der eventuellen Verfilmung der dramatischen Romanvorlage, in einer Mischung aus Resignation und steter Loyalität, den Gabriel spielt, mag meine Macke sein. Aber ich würde mich drauf freuen.

Kontrapunkt
Anna Enquist, Verlag Luchterhand

Herzzerreißende, rührende Trauerarbeit
Am Anfang hab ich nicht geglaubt, dass ich mich an diesem Buch festbeißen kann.
Kommt doch viel zusammen, von dem ich eigentlich keine Ahnung habe. Obwohl man das natürlich nicht so sagen kann – denn jeder Mensch sollte Trauer nachvollziehen können, vor allem die Verarbeitung des Schmerzes und des Verlustes, auch wenn es sich hier fast ausschließlich um den der Mutter handelt. Also ein Frauenroman? Klar, schon eher, aber wiederum auch nicht.
Der/ein Vater kommt kaum vor und ich, als jemand der zwar Musik, auch Klassische, sehr genießt, kam mir manchmal doch etwas dumm vor – bar jeder Notenkenntnis - und „Goldbergvariationen“ von Bach sagten mir erstmal nichts. So doof, so gut.
Nun bin ich aber Vater einer achtzehnjährigen Tochter, spiele leidenschaftlich Folk - Gitarre – lebe sogar davon – und so zog ich mir nach und nach den Buchmantel samt Inhalt über und bin oft sprachlos gewesen, vor so genauer, sezierender Sprachqualität, die auch das Heranwachsen unserer Tochter in einem neuen, wenngleich sehr sentimentalen Licht, erscheinen lassen. Es geht um die Rettung der gemeinsamen Zeit, welche sich  nicht in Fotos an den Wänden, ein paar aufbewahrte Erinnerungsstücke oder etwa Schulzeugnisse, etc., erschöpfen sollen. Die Mutter, Konzertpianistin, kämpft mit den Goldbergvariationen um die Erinnerung an ihre Tochter, die plötzlich Anfang/Mitte zwanzig durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wurde. Es ist sowieso immer schlimm, wenn die eigenen Kinder vor den Eltern sterben, aber so eine jähe Tragik, ohne Krankheit oder Vorhersehbarkeit, macht schaudern.
Sie setzt sich an den Flügel und in einer Art Zweiteilung der Kapitel – jedes Kapitel  wird als eine der Variationen, von denen es dreißig gibt, überschrieben – geht es sowohl um den Versuch, Bachs Genialität zu verstehen, bzw. nachzuspielen und aus der jeweiligen Atmosphäre, wie ein Puzzle, das gemeinsame Leben mit der Tochter zusammenzufügen (oder zu fugen, wie Bach es wohl gemacht hätte). Und genau dabei kommen solch rührende Beobachtungen heraus, dies einem das Herz brechen. (Wobei ich mich heute wundere, dass man diese oder ähnliche Erlebnisse mit dem eigenen Kind damals selbst nicht sofort notiert hat; obwohl, es gibt diese Erlebnisbücher, diese Mutter – Kind Kladden, die am Anfang nahezu täglich - in der Pupertät dann gar nicht mehr gefüllt werden) Ein ganz großer Roman, ein Juwel. Und nun auf – Goldbergvariationen kaufen - in einer Aufnahme von Glenn Gould.

 

Wächter der Tiefe
Lincoln Child, Verlag Wunderlich

Der Name des Verlages scheint Programm zu sein. Wunderlich. Denn ich wunder mich schon, dass seit dem Erfolg von Dan Brown („Sakrileg“ etc.)  immer noch mehr dieser Schmarren veröffentlicht werden. Schablonenhaft wird hier die gewohnte Mixtur aus Legende, Mittelalter, science fiction, Wissenschaft vs. Militär (bzw. Geheimdienst), statische Hauptpersonen, krude Formeln und Spinnereien über Entschlüsselungen von diversen Codes und über allem wird eine intergalaktische Macht installiert, die sich aber nicht wirklich vorstellt. Das Buch ist Massenware, reine Zeitverschwendung und es sollte mich nicht wundern, wenn es in deutschen Bestsellerlisten auftaucht.
Kurz zum „Inhalt“: eine gigantische Forschungsanlage ist in drei KM Wassertiefe über den atlantischen Rücken positioniert worden, und es geht vordergründig um die Entdeckung von Atlantis, dem versunkenen Kontinent. Wahr ist aber, dass man Signale geortet hat, die auf etwas unvorstellbar Gigantischem hindeuten.
Man versucht also über eine Art Bohrung durch den Meeresgrund dahin zu kommen. Leider kommt es in der Anlage zu unspezifischen Krankheiten, und ein Experte in diesen Sachen, Dr. Peter Crane, wird zur Anlage geschickt um dem auf dem Grund zu gehen. Klar, irgendwann wird er zum Helden und es gibt auch eine Liebschaft, mit einer asiatischen Wissenschaftlerin, die natürlich klasse aussieht.
Wir müssen uns durch Sabotage kämpfen, und uns mit kleinen, wunderlich leuchtenden, hoch energetisch aber liebenswert kügelchenhaften Energieträgern anfreunden, (leben die sogar?) etc…! Und Murmeln kommen sowieso oft vor. Soll doch lesen wer will, selber Schuld.

 

Bestattung eines Hundes
Thomas Pletzinger, Kiepenheuer & Witsch

Amygdala (griech.)  Mandelkern, beidseitig angelegte, mandelförmige Hirnregion im Schläfenlappen des Großhirns. Die Amygdala stellt einen Teil des limbischen Systems dar und erfüllt Funktionen bei der emotionalen Bewertung von neuronalen Informationen.
Die elektrische Reizung der Amygdala ruft bei Mensch und Tier emotionale und vegetative Reaktionen hervor. Hat Pletzinger bewusst den Namen Mandelkern für seinen Roman „Bestattung eines Hundes“ aus dieser Duden - Definition abgeleitet? Mag sein, denn der Protagonist und einer der „Ich Erzähler“, eben der gescheiterte Ethnologe und (Zufalls-) Journalist Daniel Mandelkern, wird in diesem Roman emotional und vegetativ hochgradig gereizt. Aber mal langsam.
Es gibt eigentlich zwei Handlungsstränge, die sich nach und nach ineinander verweben und die durchaus einen überraschend eigenen Sprachstil erkennen lassen. Mandelkern wird von seiner Frau Elisabeth, die Redaktionsleiterin einer Zeitschrift mit Sitz in Hamburg ist, mit dem Auftrag in Schweiz geschickt, einen hochaktuell erfolgreichen Kinderbuchautor zu interviewen (16000 Zeichen). Er findet diesen Svensson zwar, aber auch mehrere Geschichten, Personen, Schicksale und Tragödien. Mehr und mehr ist Daniel Mandelkern von der abenteuerlichen Vita Svenssons (festgehalten in „Astroland“, welches er zuerst schamhaft liest, weil zufällig gefunden, 2. Handlungsstrang) und er vergisst in dem runtergekommenen Haus Svenssons am Luganer See nicht nur seinen Auftrag, sondern auch die Zeit, und vielleicht am Ende auch sich selbst.
Mit Svensson, der schönen Finnin Tuuli, mit der Fotografin Kiki Kaufmann, mit dem dreibeinigen Hund Lua, oder Lula, je nach dem, und Tuulis kleinen Sohn, dessen Vater entweder Svensson oder Felix Blaumeiser ist, und der einer der Hauptpersonen des Romans im Roman (eben Astroland) ist. Und immer wieder stellt er in überraschenden Reflektionen seine Beziehung zu seiner Frau Elisabeth in Frage, bzw. er fragt sich die Frage aller Fragen: was soll das alles?
Diese Frage können sich natürlich alle beteiligten Figuren stellen, denn wir haben es mit nicht wenig Erlebnissen rund um den Globus zu tun. In einem ganz eigenen, auch für mich neuen Rhythmus und Erzählstil, mit überraschenden Überschriften und eingeschobenen Beobachtungen (Beispiel: ein Paar lässt sich vor einem Brunnen fotografieren. Pleitzingers Einschub - für die Dauer des Bildes glücklich -) befinden wir uns mal in Brasilien, wo Blaumeiser Tuuli und Svensson in irgendeinem Slum für irgendeine karikative Organisation eine Wasserleitung bauen, oder im New York des 11. September.
 Alles vielleicht ein wenig viel; zuviel Dreiecksgeschichten und überbordende Sauf- und Drogenexzesse. Aber wie dem auch sei, Mandelkern gibt sich nach dem Schweiz Abenteuer eine neue Richtung. Und Hand aufs Herz, wer schafft das schon von uns?

 

Krematorium
Rafael Chirbes, Verlag Kunstmann

„So ist das Leben. Man häuft Wissen an wie eine Elster, hört tausend Platten, liest ein Buch nach dem anderen, sieht Hunderte von Fernsehsendungen, blättert im Laufe des Lebens in Millionen von Zeitschriften, denkt nach, informiert sich, und dann stirbt man, und wenn man noch halbwegs klar ist, denkt man dabei bestimmt auch an all die verlorene Zeit“ (Seite 390, Proust lässt grüßen) Bitte jetzt nicht von diesem Zitat deprimiert sein. Das Buch ist ein ganz großer Schatz und wenn ich mir einmal anmaßen könnte, von Weltliteratur zu sprechen, würde ich dieses Buch dazu zählen.
Das Buch handelt von den Schmerzen der Zeit, von der Vergänglichkeit, von der Sinnlosigkeit des Daseins und ist gleichwohl eine philosophische Meisterleistung. Ich kann nur den Hut ziehen vor so viel Belesenheit, Weltklugheit und Erkenntnis. Die „Hauptperson“ des Romans, der Architekt und Baulöwe Rubèn Bertomeo, jetzt weit in den Siebzigern,  reflektiert sein Leben und hier vor allem sein Job als einer, der den Küstenstrich irgendwo zwischen Valencia und Almèria an der Mittelmeerküste so horrormäßig zu betoniert. Benidorm oder Torremolinos sind sicher die Topadressen dieser Landschaftsverbrechen, aber Rubèn versteht es, sich zu positionieren. Er zieht grade, pragmatische Konsequenzen in und aus seinem Leben und steht so meilenweit, weil durch diverse Umstände bei den anderen Protagonisten die Bodenhaftung fehlt, über den Dingen. Es macht ihn auch nicht unsympathisch, wenn er seinen Mann fürs Grobe, Roman Collado, durch einen fingierten Unfall, mafiös ausschaltet. Collado ist einer der großen Loser  im Umfeld des Magnaten Bertomeo, ebenso wie sein früherer Kampf- und Weggefährte Frederico Brouard, der sich als schwuler Säufer, mit zweifelhaften literarischen Erfolgen, die Birne am Ende seines Lebens zudröhnt. Warum Krematorium? Irgendwie sind alle auf dem Weg zu dieser Feuerbestattung, denn Matìas ist gestorben, der jüngere Bruder von Rubèn. Durch dessen Tod stellt sich alles in Frage und jeder reflektiert und muss sehen, wie er nun zurecht kommt. Sylvia, unglückliche Tochter von Ruben mit ihren schwachbrüstigen oder schon crackigen Kindern; Sylvias Mann Juan, eitler Literaturprofessor und Brouard, der suizidale Schriftsteller; keiner kann dem großen Rubèn Bertomeo das Wasser reichen. Außer vielleicht Monica, die Vertreterin des neureichen Spaniens, ausgestattet mit einer Vorliebe für Marken und teuren Nippes und über 40 Jahre jünger als Rubèn, erst seine Geliebte und jetzige Ehefrau. Zielsicher geht sie Ihren Weg, den alle nie wirklich gefunden haben und sie weiß genau wo, mit welchen Mitteln, sie z.B. Sylvia fertig machen kann. Das alles vor dem Hintergrund, einer hitzedurchsiedeten, kaputten Küste, bei dessen Beschreibung es fast schon schwer fällt, zu atmen. Dazu noch die stetige, zunehmende Einflussnahme des russischen Geldes, das, wie wir wissen, unerschöpflich scheint. Verloren die Zeit der einsamen Strandspaziergänge mit tiefen, ruhigen Gesprächen, keine spanische Taverne mehr mit mediterraner Leichtigkeit – nur stickige, staubige Luft, erfüllt von Baggern und Raupen, die letzte Olivenhaine planieren um eine Illusion aufrechtzuerhalten: das Häuschen am Mittelmeer. Vergessen wir es. Der Roman ist prall, obsessiv und sexdurchtränkt. Der Roman ist hoch philosophisch hoch intellektuell. Der Roman ist eine Reise durch die Kunst-, Architektur und Musikgeschichte. Der Roman ist einsame Klasse.

 

Sieben Seiten der Wahrheit
Elliot Perlman, Verlag DVA

"Simon war ein Mann von überdurchschnittlicher Intelligenz, die durch jahrelange extensive und intensive Lektüre geschult war, ein Mann mit nicht unangenehm anzuschauenden Gesicht und einer gewissen Empfänglichkeit für die machtvollen Winde und schwachbrüstigen Brisen, welche die Welt bewegen, ein Mann, der sensibel war, nicht nur für die Nöte der Masse Mensch, sondern auch für das Leiden des Mannes, der in Hemdsärmeln zur Mittagszeit über die gefallenen Blätter im Stadtpark schlendert, der verzweifelt versucht, bei jedem schwachen, schüchternen Atemzug seine eigene lauwarme Bedeutungslosigkeit in Schach zu halten". Kann ich die Hauptperson dieses Romans besser beschreiben als er sich selbst? (bzw. durch den Autor Elliot Pilgrim?) Dieses Zitat findet sich auf Seite 587 dieses Wälzers, der bei 861 Seiten endet und zumindest den Anspruch erhebt, ein großartiger Gesellschaftsroman zu sein.

Wir kennen die Lichtgestalten der vergangenen (literarischen) Epochen. Goethes "Werther": ein intelligenter, hochsensibler, schwärmerischer junger Mann - schreibt im ausgehenden 18. Jahrhundert seinem Freund Wilhelm Briefe, in denen er ihm sein Seelenleben öffnet, seine Begeisterung über Liebe und Natur, und nicht zuletzt seine Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit der Liebe und über gesellschaftliche Zurücksetzungen. Werther verliebt sich in Lotte, (bei Pilgrim Anna) die zumindest seine Liebe für Literatur und Lyrik erwidert. Holden Caulfield, der "Fänger im Roggen" von Salinger, auch ein Mensch der an den gesellschaftlichen Verhältnisses zerbricht und nicht zuletzt Kleists Michael Kohlhaas, der durch seinen verzweifelten Kampf gegen das System riskiert, alles zu verlieren, was ihm wertvoll ist.

Sie alle mögen Vorbild sein für die Gestalt Simon Heywood, die Elliot Pilgrim mit großer Sensibilität zeichnet. Er wird nicht müde, die oben beschriebenen Eigenschaften immer wieder Simon zuzuordnen, aber wer das ganze Buch, also die sieben Seiten der Wahrheit verstehen will, der sollte vielleicht folgendes Konstrukt verfolgen:

nehmen wir an, es gäbe eine Familie (alles fiktiv) mit einem Vater, Mutter, zwei ältere Geschwister, sagen wir 20 und 22 Jahre und einen Nachzügler mit Down-Syndrom. Dieser stirbt im Alter von 18 und alle Beteiligten schreiben nun ihre (ehrliche) Befindlichkeit auf. Der Vater beklagt sich, dass er, seit der behinderte Sohn auf die Welt gekommen ist, keinen Sex mehr mit seiner Frau hatte; diese, voller Schuldgefühle, kümmert sich obsessiv um den behinderten Sohn und lässt vor allem in der Pupertät ihre Tochter aus den Augen, die jetzt zugibt, nach so langer Zeit der familiären Tyrannei, froh zu sein, dass der junge Bruder tot ist; der älteste Sohn ist auf die schiefe Bahn geraten, hat ein Drogenproblem und hasst den Vater und dessen junge Geliebte bis aufs Messer, weil er ihm an allem die Schuld gibt. Dann gäbe es, nehmen wir weiter an, noch einen Familientherapeuten, der aber insgeheim hofft, die durchaus noch attraktive Mutter, noch mal aus erotischer Sicht zu gewinnen. In einzelnen Kapiteln schreiben also alle ihre Sichtweise dieses Familiendramas auf, berücksichtigen Zeiten und gesellschaftliche Hintergründe und wir fügen das zusammen zu einem Buch. Tja, warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?

Bei Pilgrim ist der auslösende Focus eine Art Entführung, um die sich eigentlich alles entwickelt. Simon, ist die Zeit scheiß egal, er kann sich tagelang in seiner Wohnung einschließen und auf die Uhr starren, ohne dass ihm bewusst ist, dass "Zeit" vergeht. Nach zehn Jahren nutzt er eine Gelegenheit, zur Entführung des Sohnes seiner früher von ihm angebeteten Anna, die ihn wirklich seit zehn Jahren auch nicht mehr gesehen hat. Wie man nun ahnt, kommen nun viele Beteiligte ins Spiel, die alle dieses Drama aus ihrer Sicht beschreiben. Simons Psychotherapeut, Anna und ihr aktueller Mann Joe, dessen Arbeitskollege Mitch, eine verbindendes "Element" namens Angela (Prostituierte) und am Ende (etwas langatmig) noch die Tochter des Therapeuten, die so eine Art Klammer bietet, um das Buch "zusammenzuhalten". Alles in allem erinnerte mich das Buch an meine Begeisterung für John Updike (Rabbit) und Frantzen (Korrekturen). Auch mit Richard Fords "Die Lage des Landes" spielt das Buch durchaus in einer Liga. Allerdings bleibt am Ende des Tages ein eigentümliches "happy end" übrig, also etwas, was Goethe, Kleist oder Salinger nicht eingefallen wäre. Insofern doch keine Weltliteratur? Ich würde nicht ganz so weit gehen, aber das Buch empfehlen.

 

Der Chinese
Henning Mankell  Verlag Zsolnay

Von Mankell wird man, auch wenn es stärkere oder vermeintlich (subjektiv) schwächere Bücher waren, eigentlich nie enttäuscht. "Die Tiefe" oder z.B. "Der Chronist der Winde" gingen mir nicht so nahe, aber ich kann mich natürlich noch genau an die ersten Wallanderbücher erinnern, die bei mir mit "Die fünfte Frau" starteten. Es sind viele Jahre ins Land gegangen und Henning Mankell ist lange noch nicht fertig mit dem, was er uns sagen will. Der große Marcel Reich Ranicki sagte einmal sinngemäß "Das Dumme am Tod ist, das ich die ganzen Bücher die noch kommen werden, nicht mehr lesen kann". Ich willl das mal mit Mankell erweitern und ein fiktives Zitat konstruieren. Dann würde Mankell demzufolge sagen: "Das Dumme am Tod ist, dass ich noch so viel mitzuteilen habe, und das dann nicht mehr kann." Was macht er aus dieser Erkenntnis heraus? Er schreibt mit "Der Chinese" gleich ein Buch, das Stoff für drei Romane hergibt. Dazu überhäuft er uns mit (überraschenden) Informationen, die sowohl historisch als auch aktuell nicht nur hochinteressant daherkommen, sondern auch manches Weltbild ins Wanken bringen könnte.
Gut, der Bau der quer durch den Kontinent stoßenden Eisenbahnlinien in Nordamerika, bei dem Sklaven aus allen Teilen der Welt an die Hacke gemartert wurden, ist vielleicht nicht neu, aber das so viele Chinesen dabei waren überrascht doch. Manchmal erinnerte es an das Buch "Schnee, der auf Zedern fällt". Da ging es nicht um Chinesen sondern um Japaner die in KZ - ähnlichen Lagern gehalten wurden (wer wusste das vorher?) um bei der Erdbeerernte im Nordwesten der USA zu helfen. (Bei dem Buch ging es auch um ein weit zurückliegendes Verbrechen aus dem Pazifikkrieg) "Der Chinese" muss nun herhalten um uns über das neue China (beängstigend logisch) aufzuklären, es geht um Afrika und auch aktuell um Robert Mugawe, der hier noch in einem milderen Licht dargestellt wird als heute, wo er (in den westlichen Medien) der afrikanische Horrordiktator schlechthin ist.
Und es geht natürlich wie bei Mankell um ein unglaublich brutales Verbrechen, welches gleich am Anfang schockt. Ein Dorf wird ausgemerzt und dieser Kriminalfall bewegt die schwedische Kriminalpolizei. Das ist der Krimi in dem Buch, der Rest ist (kultur-) politische Aufklärung über 140 Jahre, manchmal auch langatmig, vorgeführt durch, für die Sache genau konstruierte Personen. Manchmal kann man dann das Gefühl haben, die Figuren sind deshalb so polarisierend gezeichnet, damit auch immer klar ist, wer was und warum sagt. Das die etwas tiefer liegende Botschaft lauten könnte, Peking sei vielleicht doch nicht der richtige Ort für olympische Spiele, ist geschenkt. Aber wir werden nicht umhin kommen, und weiter mit Afrika und China so zu beschäftigen, wie es sich für diese Welt gehört. Jeder sechste Mensch ist schon Chinese und der will essen. Und der Afrikaner ist auf dem Weg nach Norden und holt sich zurück was es nicht mehr gibt.

 

Last lecture - die Lehren meines Lebens
Randy Pausch, Verlag C. Bertelsmann

Wie man sich selbst heilig spricht.
Auch wer sterbenskrank ist, und den Tod vor Augen hat, muss sich doch auch einer ganz profanen Kritik stellen. Denn wenn man meint, eine literarische, oder was immer damit gemeint ist, Duftnote zu hinterlassen - also dieses Buch veröffentlicht - in der Annahme, noch mal einen ganz großen Wurf gelandet zu haben, muss sich nicht wundern, wenn der Schuss nach hinten losgeht. So wie hier. Ich kann mir nicht helfen, dieses Buch ist so was von typisch amerikanisch und hat etwas klebriges - predigerhaftes an sich, dass ich oft sprachlos war, ob der Banalitäten, die Pausch und sein Co-Autor Jeffrey Zaslow hier von sich gegeben haben. Da stehen allen ernstes Sachen drin wie:
"Nur wer fragt, kriegt auch Antworten" oder "Mauern sind da, um überwunden zu werden" oder noch arger (und das Foto hat er sich extra aus der Zeitung ausgeschnitten) "Es ist das Foto einer Schwangeren, die gegen eine Baustelle im Ort protestierte. Sie war besorgt, dass der Lärm ihrem ungeborenen Kind schaden könnte. Zwischen den Fingern hielt sie eine Zigarette. Wenn sie sich Sorgen um ihr ungeborenes Kind machte, hätte sie die Zeit, die sie mit ihrem Protest gegen Presslufthämmer verbrachte, gewiss besser genutzt, wenn sie die Zigarette ausgemacht hätte"(!) Derlei rudimentäre Lebensweisheiten finden sich in einer unsagbaren Fülle. Dabei ist die Intention klar: Pausch macht sich die größte Sorge darüber, dass seine Kinder ihn irgendwie vergessen könnten. Und was ist er für ein toller Mann! Allerdings bewegt er sich im Buch meistenteils zwischen virtuellen Welten und Disneyparks. Pausch ist Technik-Professor und seine Welt, und die seiner Studenten, ist eben eine Virtuelle. Hier erfinden sie die animierten Computerspiele für die Kids, die dann auf ihre Computertasten einhämmern und durch virtuelle Universen rasen. (Um ihre Träume zu verwirklichen - echt, so stehts da) Pausch, so scheint mir, ist in einer amerikanischen Wattewelt aufgewachsen, und irgendwie kommt was anderes auch gar nicht vor. Da ist das behütete und übertolle Elternhaus - er hat nämlich  "in der Elternlotterie gewonnen" und noch den Jackpott geknackt - und er setzt das mit seiner Ehefrau Jai und seinen drei tollen Kindern fort. Jetzt kommt der Bauchspeicheldrüsenkrebs dazwischen. Man kann heute mit diesem mörderischen Krebs noch ein paar Jahre relativ gut leben, der Tod kommt aber fast hundertprozentig - aller Chemo und Bestrahlung zum Trotz. So, wie damit umgehen? Sterben ist ernste Angelegenheit und man kann es schlecht üben. Aber in diesem Fall wünschte ich mir eher den alten Indianer zurück, der, nach meiner träumerischen Vorstellung, wenn es soweit ist, einfach geht - und nichts mehr sagt. Pausch setzt seine Kinder mit dieser Autobiographie schon jetzt damit unter Druck, damit sie ihn irgendwann posthum heilig sprechen. Aber wie so oft, irgendwann wird die Zeit ein Ei darüber schlagen. Jai wird einen neuen Mann haben und die Kinder gucken sich vielleicht Bilder von ihrem Vater an - oder eben das Video von der "Last lecture" - und sich eventuell fragen, warum keiner "hallelujah", dazwischen gerufen hat.

 

Wer bin ich - und wenn ja wie viele?
Richard David Precht, Goldmann HC

Man könnte das Buch überschreiben mit einem wunderbaren Zitat von Isaac Newton: Was wir wissen, ist ein Tropfen - was wir nicht wissen ein Ozean. Nur um mal eine Alternative zu Sokrates zu nennen. Gut, das Buch ist gut lesbar, aber bei Licht besehen, gibt es für den, der sich beispielsweise auf den Wissenschaftsseiten von der "ZEIT" dem "Spiegel" oder der "Süddeutschen" tummelt, nicht viel Neues. Wenn man ganz gemein ist, könnte man ja sogar sagen, das stand alles schon so oder ähnlich, in GEO - Wissenschaft. Aber, und jetzt kommt das große "Aber": für den, der sich mangels einer wissenschaftlichen oder philosophische Ausbildung - oder sonst welche Studien mit Affinität zum Thema - immer mal wieder, aus reinem Wissensdurst, diesen Themen nähern will, eine Super Lektüre. Da ich ja genau zu diesem Klientel gehöre, kein Abitur, etc., aber eben interessiert am Lauf der Dinge und immer mit dem Bedürfnis, den Kopf über Wasser zu halten, habe ich dieses Buch doch genossen. Uns wird der Stand der Hirnforschung vorgestellt, ebenso wie die entscheidenden und aktuellen Aussagen von Philosophen und Wissenschaftlern früher und heute. Eben zu den Fragen die uns tatsächlich bewegen (sollten): wo komme ich her? Was mache ich hier? Und wo geht es hin? Fragen zur Umwelt-Ethik - dabei wichtig: warum müssen wir nur immer die Wale retten? - Sterbehilfe, mit guten Zusammenfassungen der aktuellen Diskussion, und was soll ich sagen: was ist Liebe, was passiert mit mir, usw.. Aber über allem steht immer wieder, je weiter wir in den einzelnen Kapiteln fortschreiten, dass wir tatsächlich so gut wie nichts wissen über die Vorgänge in unserem Hirn. Immer wieder kommt Precht zu dem Schluss, dass man nichts Genaues sagen kann, und es wohl eine Mischung aus allem ist. Nach dem Motto, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Gut, dass ist jetzt auch schon dermaßen verwurstet worden, aber - im Zusammenhang mit diesem Buch - allemal richtig. Ich möchte ein kleines Zitat aus dem Buch, aus dem Kapitel über Liebe, verwenden, weil es mich doch zum schmunzeln brachte: "Der Verliebte sieht ein Lächeln, alle anderen eine Zahnlücke". Und wer wissen will, was da chemisch, seelisch, neurologisch abläuft, in einem Verliebten, der ist bei diesem Buch zu Hause. Aber nicht oder nie auf eine gültige Antwort hoffen. Auch zum immer mal wieder Nachschlagen geeignet, wenn mal auf einer Party einer mit Wittgenstein Zitaten oder Schopenhauer glänzen will, und man leicht zweifelt, ob der überhaupt irgendeine Ahnung hat und nur enzyklopädisches (oder Kreuzworträtsel-) Wissen reproduziert. Und man erfährt den Beweggrund, warum dieser Partylöwe an dieser Stelle so ist wie er ist. Aber ist es wirklich sein Wille?
Die Moral hält das Buch als roten Faden zusammen. Auf diese kommt Precht immer wieder und die angestoßenen Themen geben uns die Chance zur Reflektion.

 

Kind 44
Tom Rob Smith, dumont - Verlag

Ich bin nach wie vor fast sprachlos über dieses Buch und es ging mir ähnlich wie bei Cormac McCarthys - Die Strasse-. So unvorstellbar grausam das alles, jegliche humanistischen Gefühle aus dem Hirn fegend. Eine schonungslose Abrechnung mit dem Stalinismus, der, wie wir heute wissen, dem Naziterror absolut gleich stand. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich z. B. Michael Kumpfmüllers - Nachricht an alle - dann - Die Strasse - und zuletzt -Kind 44 - nacheinander gelesen hätte, wäre ich wohl in tiefe Depression verfallen; so viel Dunkelheit, Macht- und Hilflosigkeit, die alles überschattet. Unmenschlichkeit perfekt beschrieben, ein (Russ-)Land (hier in den frühen fünfziger Jahren), von einer perfiden Bespitzelungs- und Foltermaschinerie kontrolliert, in der das von dem "Staatschutzdiener" Leo, (später natürlich geschasst und gefoltert, bis kein Arzt mehr kommt) entdeckte Verbrechen, nämlich ein Serienmörder, der psychopathologisch strukturiert, Kinder schlachtet und die heraus getrennten Mägen, an seine Katzen verfüttert. Da das ja im Kommunismus gar nicht sein kann oder darf, hier sind ja a priori alle Menschen glücklich, wird der Jäger selbst zum Gejagten. Wie gesagt, ich wollte immer aufhören zu lesen, aber das Buch ist auch spannend, bei aller Unmenschlichkeit. Denn auch in der riesigen, von Hungersnöten und extremster Kälte gebeutelten Sowjetunion, gibt es eine Kraft oder eine Pflanze, zumindest hier prosaisch, die Hoffnung heißt. Dieser Durchhaltewille, der am Schluss zu einer Art - happy end - führt, und sogar ein wenig über Liebe erzählt, ist heute kaum nachvollziehbar, und sollte es, bei diesem extrem gut recherchierten Buch, tatsächlich Menschen wie Leo und Raisa (seine Frau) gegeben haben, dann bleibt doch immer ein Fünkchen Glauben, zwar nicht an einen Gott, so doch an oder für die Menschheit.

 

Ungeschoren
Arne Dahl, Piper Verlag

Nach wie vor ist Arne Dahl mein absoluter Favorit der - fast unüberschaubaren Zahl - nordischer Krimiautoren. Er ist einfach der Analytischste von allen, mit einer gehörigen Portion Wut auf die gesellschaftliche Dynamik im allgemeinen und ihrer Auswirkung auf die Polizeiarbeit (und hier in Schweden) im Besonderen. Immer wieder spickt er punktgenaue, politische Statements von unbestechlicher Logik in seine intelligent aufgebauten Krimis ein, die wiederum mit dem jeweiligen Fall und den eifrigen Akteuren im Polizeidienst, korrespondieren. Ein Zufall war, dass ich Michael Kumpfmüllers "Nachricht an alle" - eine hochdramatische - zwar fiktive, dadurch nicht weniger aktuelle -Beschreibung unseres wankenden Europas - gelesen habe. Es gibt viele überraschende Übereinstimmungen. Schön ist, dass es auch krimitechnisch immer spannend bleibt und uns dadurch Dahls gesellschaftliche Sicht der Dinge, nicht auf den Nerv geht. Zur Story:  es geht um eine Art Selbstjustiz, der man aber, weil kryptisch versteckt und mit Shakespeare ummantelt, erst sehr langsam auf die Spur kommt. Die Protagonisten haben bei Dahl immer eine Geschichte, die sich in seinen Romanen fortschreibt. Man ist gerne mit den Akteuren zusammen, weil man ihre Entwicklung kennt. Sowohl familiär, mit Schicksalsschlägen behaftet, als auch in der Karriere bei der Stockholmer Kripo. Allenfalls zum Ende hin wirkt der Fall ein wenig aufgesetzt und konstruiert - man hat im ganzen Buch kaum die Möglichkeit, sich auf einen "Verdächtigen" festzulegen. Aber insgesamt ist das auch nicht so wichtig. Ich empfehle nach wie vor immer, alles von Dahl zu lesen und zwar von Anfang an. man bleibt gesellschaftlich und politisch auf der Höhe - und wird gut unterhalten. Was will man mehr?

 

Nachricht an alle
Michael Kampfmüller, Verlag K&W

Wenn ich mir ein Buch vorstellen könnte, was in einen inspirierten, europäischen Oberstufen Sozialkundeunterricht gehört, dann ist es dieses Buch. Nachricht an alle ist das Buch, welches ich am liebsten selbst geschrieben hätte - und dies jetzt nicht mehr tun muss. Eine solch umfassende, europäische Gesellschaftsanalyse, vom heutigen, vom Ist - Zustand ausgehend, ist mir lange nicht mehr – wenn überhaupt- vorgekommen. Eventuell hätte ich es noch von dem Philosophie - und Medienprofessor Peter Sloterdijk erwartet, aber der wäre wieder mal zu sehr über den Kopf gegangen. Ebenso die immer wieder in den einschlägigen Gazetten zitierten Soziologen wie Hurrelmann und Ulrich Beck (Die ZEIT), die schon Ewigkeiten warnen und nie Gehör finden.
Jetzt ist aber Michael Kampfmüller ein Rundumschlag gelungen, dem sich keiner entziehen kann, sollte er dieses Werk anfangen zu lesen. Ich würde mal ein Bild gebrauchen wollen: wir kennen doch alle diese science fiction Filme, (oder meinetwegen auch U-Boot Katastrophen) wo der Kapitän an Bildschirmen sitzt, Befehle rumschreit, und aus allen Ecken des Schiffes –mayday, mayday – gemeldet wird. Überall brennt es und in der Leitzentrale ist man dabei, die notwendigsten Löcher zu stopfen, hier mal einen Brand auszutreten, und dort einen ganzen Flügel zu opfern. Eigentlich sieht keiner mehr einen Sinn, wie und ob es weitergehen soll, es fehlt ein Gesamtkonzept zur Rettung des Schiffes. Zu allem Überfluss ist man sich in der Leitzentrale gerade mal völlig uneinig, wer nun am Steuer stehen soll und in welche Richtung es geht. Man streitet sich lieber über Pfründe, Posten und Privilegien. Kurz: es ist das normale Europa von heute.
In einem fiktiven Staat, manchmal denkt man ihn sich eher im Süden, dann mal wieder im Norden, mal wähnt man sich in irgendeiner aufstrebenden ehemaligen Ostrepublik,  begleiten wir einen ebenso fiktiven Innenminister bei einem vergeblichen Versuch, den Kopf über Wasser zu halten.  Wir durchdringen privates und politisches und sind am Ende auch nicht mehr in der Lage irgendwas auseinander zu halten. Man könnte meinen, zum Ende des Buches sind wir genug gequält worden, nein, dann kommt noch der ukrainische Mädchenhandel dazu und das Klima sowieso. Aber Kampfmüller addiert die jeweiligen Katastrophen nicht, er webt sie geschickt zusammen. Alles hat mit allem zu tun, keiner kann sich entziehen.
Eine letzte Warnung an ein zusammenbrechendes Europa, welches sich über die Grundproblematiken noch gar nicht im Klaren ist! Nämlich dem vollständigen Versagen (zumindest in Deutschland) dreier Säulen der Demokratie: die Bildungspolitik, die Familienpolitik und die Migrationspolitik. Dazu die allgegenwärtige Verdummungsmaschine: Fernsehen! Die gesellschaftliche Dynamik ist der Legislative und der Exekutive um Jahre voraus und in den besagten Kommandoständen herrscht, wie oben beschrieben, Ratlosigkeit. Und wer die am besten kaschieren kann, der wird für vier Jahre gewählt und hat seine Rente sicher. Und nach diesem Buch wissen wir überdeutlich, dass Politiker eigentlich auch nichts anderes interessiert.

 

Kalte Asche
Simon Becket, Verlag Wunderlich

Eine der ganz großen Enttäuschungen im Frühjahr. Habe ich noch bei seiner –Chemie des Todes – vorsichtig geurteilt und allenfalls diese komische, gestelzte Sprache in Frage gestellt, so nervt jetzt einfach alles an dieser Fortsetzung - und zwar von Anfang an. Der Plot ist dem des Vorbuches so ähnlich, dass es absolut ärgerlich ist. Die Figuren sind so eindimensional charakterisiert, dass man gleich erkennt, wo die (falschen) Fährten gelegt wurden. Die haarsträubenden Überlebenskämpfe des forensischen Pathologen Dr. Michael Hunter sind so lächerlich, dass es nervt. Leider geht auch noch das unter, was – die Chemie des Todes- halbwegs interessant gemacht hat: nämlich die langsame Annährung an Spuren eines Verbrechens aus dem Blickwinkel des Spezialisten. Dafür wird wieder das ganze Dorf zur kollektiven Fratze, und weil es die letzte Insel auf den äußeren Hebriden ist, herrscht auch das ganze Buch lang ein unglaubliches Unwetter mit den üblichen Stromausfällen und kaum vorstellbaren fehlenden Kontakten zum Festland. Ein seltsam anmutendes Buch, welches in seinem Duktus anfängerhaft daher kommt und in dem natürlich dieser folgenschwere Satz nicht fehlen darf: Welcher Mensch macht so etwas? Dazu die Antwort: Verdammt!

 

In 180 Tagen um die Welt
Matthias Politycki, marebuchverlag

Ehrlich, lange nicht mehr so gelacht. Ich glaube, ein Buch das mich in ähnlich gute Laune versetzt hat, war diese Tourismus Satire MOLWANIEN – Land des schadhaften Lächelns. Hier wurde köstlich über den Reiseführerwahn hergezogen.
Jetzt liegt - das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl – vor. Hintergrund: eine Tippgemeinschaft gewinnt einen Volltreffer, aber richtig viel kommt nicht dabei rum. Man beschließt, einen aus der Runde, per Los, auf die MS Europa zu schicken, der dann eine Weltreise antreten darf. Nun muss man wissen, dass die MS Europa, das angeblich am besten bewertete Kreuzfahrtschiff der Welt ist. Und dann eben entsprechend teuer ist und das sich der gewöhnlich Sterbliche normalerweise auch nicht leisten kann. Und schon fängt die Satire an. Schon vom ersten Tag wird fein beobachtet, man taxiert sich gegenseitig, ob man ein ganz Großer ist, oder sonst wie zu Geld gekommen ist.  Das einer irgendwie arm sein kann, kommt in dieser Welt gar nicht vor. Aber entsprechend lustig ist das alles aufgearbeitet. Wir lernen die skurrilsten Ticks der Mitreisenden kennen und unser Fichtl ist die ganze Zeit in der Lage, seinen Dunstkreis geheim zu halten. Fortan ist er  der Herr Doktor. Und als solcher natürlich, weil vermeintlich ein ganz Großer, gehört er ab sofort dazu.

Also ab auf Weltreise. Jetzt könnte man vermuten, wir lernen die unglaublichsten Sehenswürdigkeiten kennen, die so ein Schiff auf Weltreise quasi nebenbei einsammelt. Nein, die werden irgendwann beliebig und man sehnt sich nach den Landgängen ganz schnell wieder zur Hütte (MS Europa) zurück. Toll wie der Autor die Weltwunder liegen lässt und sich der Psyche von diesem Kreuzfahrtklientel nähert: - ist das schon eine Ruine oder ist das noch ein Neubau? –

Überdeutlich wird nach 180 Tagen Weltreise, dass die Welt eigentlich für den MS Europa Kreuzfahrer völlig uninteressant ist. Wichtig ist, dass man die Nadel bekommt für 150, 300 nein bis zu 2000 Tagen auf dem Schiff. Es gibt Menschen dort, die eigentlich gar nicht mehr woanders leben können oder wollen. Und uns sollte klar werden, dass diese Form von Reisen nichts damit zu tun hat – Land und Leute – kennen zu lernen, sondern sich darin zu aalen, zur Kreuzfahrtfamilie zu gehören. Die den Eingeborenen am liebsten als folkloristischen Schatten in Erinnerung behält und der sich zu hause bei der Diashow dann fragt, wie kommt das Taj Mahal gezz in die Tüte Mikronesien? Ach ist auch scheiß egal. Eben.

 

Der grosse Jäger
Xavier-Marie Bonnot, Zsolnay

-Schüsse aus der Steinzeit- an diesen anthropologischen Krimi mit indianischen Mystik - Hintergrund fühlte ich mich erinnert. Tony Hillermann`s, im Navajo/Zuni/Hopi Reservaten spielende Romane, nehmen ganz ähnlich Bezug auf urgeschichtliche Legenden, Mythen und Traditionen. Am Ende kommt dann doch meist ein simpler Rachemord, Serienkiller oder was immer dabei raus, aber der Weg dahin ist durchweg spannend. So auch hier. Ein neuer Ermittler wird uns hier präsentiert. Commandant – der Baron - Michel de Palma. (hat man nicht gleich Brian de Palma`s – dressed to kill - im Kopf? Super spannender Filmklassiker) Er ist die neue Superspürnase dieses Marseille-Provence Krimis, der mit historischen Funden spielt (die Le - Guen Höhle), mit steinzeitlichen Waffen und aktuellen Gaunereien und Meucheleien. Ein Ritusmörder will aufgespürt werden und es ist an Michel de Palma, dem Baron, und seinem Team, die Zusammenhänge zu erahnen, zu ertasten. Das ist gut gemacht, manchmal möchte man mit einer Stadtkarte von Marseille oder einer Karte der Provence, die Fahrten der Ermittler begleiten. Da die Le Guen Höhle ja erst vor ein paar Jahren entdeckt wurde – der Eingang liegt heute weit unter dem Meeresspiegel, werden uns auch die Phänomene ZEIT und KLIMA näher gebracht. Will sagen, als der gemeine Cro - Magnon Mensch seine urgeschichtlichen Wandmalereien auf den Höhlenwänden hinterließ, war der Mittelmeerpegel um die 40 Meter tiefer. Man nimmt sich fast vor, die Gegend mit dem schönen Namen Calenque de Sugiton beim nächsten Provencebesuch nicht auszulassen. Und Michel de Palma hat viel Ähnlichkeit mit Fred Vargas Chefermittler Adamsberg. Und nicht nur mit dem. Es scheint heute en vogue zu sein, diesen Figuren eine brüchige Vita zu geben, eine Vorliebe für klassische Musik und natürlich die übliche gescheiterte Beziehung. Sie trinken gern, sind aber eher Desperados und arbeiten nach Instinkt. Egal, ich habe das Buch gerne gelesen und würde auch den nächsten Roman wieder zu mir nehmen.

 

Im Namen der Toten
Ian Rankin, Manhatten - Verlag

Ach ja, John Rebus, dieser Edinburgher Haudegen, dieser - fast- Alki im - Nochpolizeidienst -. Immer am Rand, immer nach dem nächsten Pint schielend, ein letzter, als Detective verkleideter Cowboy. Ich wundere mich, wie ein noch so junger Mann wie Ian Rankin, schon so viele dicke Rebus Romane geschrieben haben konnte. Ein Hilfs- oder Stilmittel ist natürlich, dass sich Metaphern, Verhaltensweisen, Sprüche, oder der gesamte Auftritt von Rebus, immer gleichen. Man wünscht sich langsam, Rebus sollte zur Ruhe kommen. Er ist auch der Rente nah und die ganze schottische Polizei, so scheint es, sehnt sich danach, dass er sich endlich die Karten legt und abtritt. Vorher hat er noch einen mystischen Fall zu lösen, eine verwickelte Sache aus vermeintlichen Serienmord und nackter Rache, aus Globalisierungstreffentheater und multinationalen, (Mafia -) Waffengeschäften von weltweit agierenden Konzernen. Es ist ziemlich schwer den Überblick zu behalten, vor allem bei den vielen englischen Namen die im Laufe des Romans so auftauchen, manchmal fühlte ich mich an Loriot erinnert.
Natürlich sammelt er fleißig Sympathiepunkte, sind doch seine Widersacher, seien sie im Polizeidienst oder eben die üblichen Halunken, eigentlich alles Arschlöcher. Bis auf seine süße Siobhan, die Rankin evtl. als neue Protagonistin aufbauen will. Seis drum, der politische Hintergrund ist politisch und manchmal satirisch wunderbar erfasst. Das G8 treffen von Gleneagles im Jahre 2005. Die Absperrmaßnahmen, die Globalisierungsgegner, die Konzerte; es taucht mal nebenbei bei seiner morgendlichen Fitnessübungen Dabbelju Bush auf, oder auch diverse Pop -und Rockstars. Man erinnert sich an das eigene, sprachlose Entsetzen nach den U-Bahn und Busanschlägen in London.
Und an die, wie überall auf der Welt, als Nächstenliebe verkleidete Korruption von Kirchenmännern und Honoratioren.
Man darf das Buch nicht so oft weglegen - eher ist lesen in einem Zug angesagt.
John Rebus ist am Ende des Tages wieder der einsame Wolf, der sich, im seltsamen Zwischenstadium von Melancholie und Altersweisheit, zu oft die Kante gibt.

 

Der Junge im gestreiften Pyjama
John Boyne, Fischer-Verlag

Ich bin immer noch sehr verstimmt über das Buch. Es gab sehr zwiespältige Eindrücke und wenn ich mich zu einem Gesamturteil durchringen müsste, dann: „Thema verfehlt“ mit der Begründung, der Autor zeigt einen Hang zur Verniedlichung
eines für immer unfassbaren Geschehens. Nämlich der Judenausrottung, die Existenz von KZs und Herrenrassenideologien., etc….
Mich störte schon von Anfang an, dass die Hauptperson, nämlich Bruno, 9 Jahre, aufgewachsen in einem reichen Haushalt in Berlin, aber offensichtlich mit deutsch nationalen, militaristischen Hintergrund, als der Vater KZ Kommandant in Ausschwitz wird (warum hier immer „Aus-wisch“ oder „Furer“ anstelle von Führer geschrieben wird, hat sich mir nicht erschlossen), sich so unvorstellbar naiv gebärdet, obwohl er an sich ein hoch intelligenter Junge ist. Beklemmend arm wird hier eine Geschichte konstruiert, in der Bruno, völlig ahnungslos, auf die Menschen hinter dem Zaun blickt, staunend, über das was da so abläuft, dann sogar noch am Zaun entlang katappert und einen Jungen von der anderen Seite kennen lernt, und sogar mit diesem Freundschaft schließt. Wie selbstverständlich gibt es da eine Möglichkeit, zwischen diesen beiden unvorstellbaren Welten durch ein Loch im Zaun hin und her zu wandeln, was ihm dann letztendlich doch zum Verhängnis wird. Weil, und das ist dann der Höhepunkt, er plötzlich Läuse kriegt, eine Glatze rasiert bekommt, und dies nutzt, um die Familie seines Freundes „Hinter dem Zaun“ kennen lernen zu können.
Hier kommt er dann nicht mehr raus und ein trauernder Vater (immerhin KZ Kommandant) kriegt Depressionen. Was soll das sein? Ein Gleichnis? Eine Parabel? Nein, ich bin mit dem Buch nicht einverstanden.

 

TOUCH DOWN
John Grisham, Heyne

Bei Borussia Dortmund gab es in den Siebzigern ein Auswärtsspiel in Mönchengladbach. Der BVB verlor 11:0. Im Tor stand, zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben in einem Bundesligaspiel, der bedauernswerte Peter Endrulat.
Der bekam danach in Deutschland kein Bein mehr an die Erde, war Gegenstand von Häme, und wenn ich, weil ich auch mein Leben lang schon im Tor spiele, damals mal so ein Ei reingekriegt habe, dann war ich sofort fürs Volk der „E – E – Endrulat“.
Mehr muss man zu dem Buch gar nicht wissen. Hauptperson ist ein NFL Profi, der als Quarterback, durch drei Fehlwürfe in 10 Minuten, seinem Cleveland Profiteam den sicher geglaubten Superbowl versaut hat. Er kommt, oder flieht, über Umwege nach Italien, in ein Fußballland schlechthin, wo es tatsächlich so eine Art ambitionierte Football Hobbyliga gibt, und spielt fortan für die Parma Panthers. Das hat alles etwas von einem  Jugendbuch und einem italienischen Reiseführer. Parma muss ganz schön sein und Rick bleibt am Ende glücklich in Italien und beim leckeren Essen, wird Freund der italienischen Oper und der Geschichte und findet noch die Frau fürs Leben und, das fehlte ja auch noch, gewinnt den italienischen Superbowl. Ich sehe das schon als Teeniefilm. In der Hauptrolle Matt Damon als Rick und Tom Hanks als ebenfalls assimilierter Ami in Parma als sein Trainer und das Mädel, die ihn letztendlich aufreißt und ihm italienische Baukunst und Geschichte beibringt, muss Keira Knightley aus Fluch der Karibik, sein. Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

VERBLENUNG (und VERDAMMNIS)
Stieg Larsson, Heyne

Es ist schon seltsam, warum so viele gute Krimiautoren aus Schweden kommen.
An Larsson kommt man eigentlich auch nicht vorbei. Ich würde mal das nachfolgende Buch  -Verdammnis- mit einbeziehen, denn die beiden Romane bauen aufeinander auf. Man sollte also unbedingt Verblendung vor Verdammnis lesen, denn dann bekommt man ein noch größeres Gespür für die Hauptpersonen und deren Hintergründe. Ich will die Bücher jetzt mal nicht kritisieren, empfehle sie aber als Genuss ohne Reue. Was mir auffiel, sind autobiographische Züge:
Larsson sieht sich wohl als der Mikael –Kalle- Blomquist, der irgendwann in seinem Leben ein faszinierendes Lebewesen kennen gelernt hat, und das er durch seine Romane streifen lässt, wie eine mythische Gestalt. Ausgestattet mit übersinnlichen Kräften, wobei das fotografische Gedächtnis der Lisbeth Salander, so heißt diese Frau (obwohl diese Bezeichnung den Kern der Sache auch nicht trifft) nur einen kleinen Teil Ihrer Fähigkeiten ausmacht. Lisbeth ist Astrophysikerin oder Mathegenie, ist Kickboxerin, Top Hackerin und kann von den Toten auferstehen. Das ist manchmal ein wenig viel und nimmt den gut recherchierten Geschichten, mit den ganzen Schweinen die sonst so vorkommen, ein wenig den drive. Aber wie gesagt, wer die schwedischen Krimis mag, z.B., von Arne Dahl oder Mankell, der wird diese Bücher auch mögen. Inhaltlich kommen da die großen üblichen Gaunereien vor, riesige Wirtschaftsverbrechen, Mafia, Menschenhandel. Aber dank der Computerdaten - Rechercheleistungen von Wunderkind Lisbeth, werden alle mehr oder weniger zur Strecke gebracht.

 

 

Bücher 2007

Der Atem des Jägers
Deon Meyer, Verlag Rütten & König

Da es ja in weniger als zwei Jahren um ein Großereignis wie die Fußball WM geht, liegt es nahe, sich intensiver um Südafrika (auch literarisch) zu kümmern. Zum einen haben wir ja in John Maxwell (JM) Coetzee einen exzellenten Vertreter und Literaturnobelpreisträger, vor allem sein Buch –Schande- war ein Welterfolg, zum anderen steht ihm Deon Meyer, als Thrillerautor an Spannung in nichts nach.
„Der Atem des Jägers“ beschreibt nicht nur die Zerrissenheit dieses Riesenlandes (sowohl geographisch als auch ethnisch) sondern besticht durch exzellente geschichtliche Recherche und hochdramatische Spannung. Die Hauptperson, Detective Griessel, ist eine ebenso zerrissene Persönlichkeit. Das ganze Land spiegelt sich in ihm wider. Es geht natürlich um Rauschgift, Korruption, Menschenhandel aber auch um mystische Morde. Es geht um Kindheitstraumata und Prostitution, es geht um Selbstjustiz und vor allem um gebrochene Menschen.
Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor, Deon Meyer, selbst mal große Probleme mit dem Alkohol hatte, selten, eigentlich seit, AFT Heijdens „Anwalt der Hähne“ nicht mehr so intensiv, habe ich die körperlichen Strapazen eines Alkoholentzugs beschrieben bekommen. Das hört sich nach viel Thema an, aber das Buch hat eine chronologisch aufbereitete Geschichte, man kann ihr jederzeit Folgen. Absolut empfehlenswert Anwalt der Hähne

 

Die feine Nase der Lilli Steinbeck
Heinrich Steinfest, Piper

Mich hat das Buch nicht so umgehauen, wie die Buchhändlerin meiner Wahl mir prophezeite. Gut, es ist teilweise so irrwitzig, das man meint eher einen Krimi auf Comedy Basis zu lesen. Da gibt es schöne Beschreibungen, (astro-)philosophische Betrachtungsweisen und fundiertes geschichtliches Wissen, also eigentlich etwas, was ich absolut mag, aber der Roman und seine Hauptfigur, erinnert mich mehr an ein James Bond Drehbuch, und Lilli Steinbeck, selbst eine schöne Verführerin, spielt eben die 007.  Vor allem zum Ende hin, beeilt sich das Buch und kommt so zu den schon beschriebenen Comedyeinheiten -als Krimi verkleidet- daher. Man hat hier und da seinen Spaß aber lesen muss man es nicht.

 

So viel Zeit
Frank Goosen, Eichborn

Ich sage, Hut ab. Das hätte ich nicht gedacht. Der Roman ist so authentisch, dass ich oft meinte, ich steige in die Geschichte ein und spiele mit. Auch beim Doppelkopf am Anfang. Beim Doppelkopf zeigt sich der Mensch in seiner Größe aber auch in seiner Tragik. Gut, dass die Jungs, in all ihren kaputten - oder halbwegs funktionierenden Lebensdramen, noch mal den Mut haben, auf die Pauke zu hauen. In wahrsten Sinn des Wortes. Der berühmte Spruch der Blues Brothers  - wir wollen die band noch einmal zusammenbringen- wird hier Wirklichkeit. Dahinter ein liebenswertes Ruhrgebietsszenario. Bis in alle Kleinigkeiten wunderschön beschrieben und mit einer exzellenten Musikkenntnis ausgestattet, die uns und unsere siebziger und eine wenig die Achtziger, ausmachte. Frank Goosen hat hier auch einen Teil meiner Geschichte geschrieben. Wie gesagt, Hut ab!

 

Talk Talk
TC. Boyle, HANSER

Ich hatte, weil Boyle-fan, dieses Buch schon länger liegen. Länger deshalb, weil ich dachte, OK, das Thema, na ja...! Plötzlich lese ich in einer Tageszeitung von einem Fall, bei dem eine  "Gaunerin" mit einem Passbild ausgestattet, in ein ganz normales Rathaus des östlichen Ruhrgebietes geht und der Dame am dortigen Einwohnermeldeamt erzählt, sie hätte ihren Ausweis verloren, und sie sei - und jetzt kommt es "diese Frau" – sie zeigt ein Passfoto - mit diesem Namen. Die gelangweilte Angestellte sieht eine gewisse Ähnlichkeit und stellt in null Komma nix einen neuen Ausweis her. Mit diesem neuen Pass rennt also die "Identitätsstehlerin" in alle möglichen Handy - shops, Banken, was weiß ich, und im Handumdrehen, ist der eigentlichen Besitzerin des Namens ein Schaden von 20 000€ entstanden. Alles wahr, hier in Deutschland. Warum die lange Einleitung? Ich will es jetzt kurz machen. Boyle hat genau dieses Thema verarbeitet. Mit der ihm eigenen Wut auf sein Heimatland, gelingt ihm aber leider nicht, die Story spannend zu halten. Außer das man immer wütender wird auf die Gleichgültigkeit und Borniertheit, dem die beiden Hauptpersonen (Dana, ausgerechnet noch taub !!! die eine, und Bridger, der andere, Danas Freund, der sich immer wieder motivieren muss, wegen der Angst um seinen Job) auf ihrer Roadshow durch Amerika begegnen. Wie gesagt, Boyle muss mittlerweile so einen Hass auf die Bewohner seines Landes haben - verstehen kann man es ja - aber das ist seiner Prosa nicht zuträglich. Das kann er alles intensiver und das hat er längst bewiesen. Nicht verschenken.

 

Der Marsch
E.L. Doctorow, Kiepenheuer+Witsch

Das Buch ist  eine weitere Anklage gegen den Krieg. Hier platziert ins Jahr 1865 zum Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, und eigentlich wird nur noch gebranntschatzt. Alles lodert, brennt, und es ist auch nicht mehr deutlich, vor allem nicht für die rekrutierten Soldaten, für was sie eigentlich unterwegs sind, außer eventuell dieses Chaos zu überleben.
Ganz intensiv die Beschreibungen aus den jeweiligen Lazaretten, die Beinabsägerei, das Stopfen von Gedärmen zurück in den Leib, etc... Aber es kommen auch die Momente kurzfristigen Glücks, Ärzte die irgendwie Abstand haben zu all dem, auch ein Genaral Shermann sagt ab und an was - Vernünftiges - und eine Art - Florence Nihtingale - lässt durch das ganze Buch eine wenig von "Von Winde verweht" durchscheinen. Eben der Südstaaten - Roman schlechthin. Trotzdem habe ich das Buch die ganze Zeit nicht genießen können, nicht wegen der ständigen Abschlachterei, auch nicht - und das kommt immer wieder auf - wegen der Befreiung der Schwarzen, die plötzlich vollkommen entwurzelt sind, nein - eher weil ich meine, Doctorow hat die Vorhersehbarkeit seiner Geschichte unterschätzt.
Es bleibt immer gleich entsetzlich, wenn sie auch, das will ich gern zugeben, ab und an ein Pflänzchen, z.B. durch die durchgehende Liebesgeschichte und den unbändigen Lebenswillen zweier Stromer, die je nach Lage immer die Seiten wechseln, ein wenig Hoffnung auf irgendeine Zukunft macht.

 

Die Lage des Landes
Richard Ford, Berlin Verlag

Ich habe Ende der Achtziger Richard Ford für mich entdeckt. „Verdammtes Glück“ schon der Titel seiner ersten veröffentlichten Kurzgeschichten, hatte etwas Doppeldeutiges. Neben seiner vielen Short Story Bände gibt es, ähnlich wie bei John Updikes „Harry Angstrom – Rabbit, eine gewisse Chronologie im Leben des Frank Bascombe. Vordergründig Ein Mann ohne Eigenschaften, aber alles in allem der perfekte Mensch, den Lauf des Lebens mit all seinen Wundern, Enttäuschungen, Dramen, Fluchten, Beziehungen, etc. zumindest in Ansätzen nachzuvollziehen. Der Sportreporter, vor ca. 10 Jahren, Unabhängigkeitstag, vor fünf Jahren und jetzt dieses sensationelle Buch Die Lage des Landes. Ich bin schier sprachlos, über das was ich da lese. Und ich lese verdammt viel. Dies ist das beste Buch seit Jahren und ich würde es lieber im Moment von vorne anfangen, als nach diesem epochalem Werk was anderes zu lesen. Was mich auch vollkommen überzeugt, ist die Übersetzungsarbeit, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass das Buch im englischen Original the lay of the land noch mehr hergeben kann. Die einsame Klasse von Richard Ford macht sich vor allem in der Verwendung von Verben fest. Ein Wald zum Beispiel ist nicht ein Wald, sondern - eine pockennarbige, ansonsten heitere Baummischung, die da im milchigen Licht eines glanzlosen New Jersey Cocktailnachmittags herumlungert, hinter der zugezogene, verschnupfte Rassenhasser, ihr einsames, verzweifeltes Glück zu finden hoffen, die aber ihre schorfigen Hirne einem dürftigen Ende entgegen heulen-. (Na ja, das war jetzt kein Zitat, aber es ist einfach ein literarischer Genuss den Wortgemälden Richard Fords zu folgen) Bascombe, mittlerweile 2 mal dubios geschieden, immer noch (manchmal entsetzter, manchmal verliebter Vater) Prostatakrebs erkrankt und erfolgreicher Immobilienmakler an der der New Jersey Küste. So und dieser John Bascombe setzt sich in einer getränkesatten Bar, im gemütliche Zwielicht eines Feierabends, neben dich, und fängt an aus seinem Leben zu erzählen. Und du ertappst dich dabei, immer mehr wissen zu wollen, und du spiegelst dein eigenes verdammtes Leben, ständig in dem nicht enden wollenden Fluss der Bascombe Geschichten. Ich schlage Richard Ford für den Literatur-Nobelpreis vor.

 

Tender bar
J.R. Moehringer, S.Fischer

Das Buch steht schon zu lange (und zu recht) auf den Bestsellerlisten, als das ich es noch groß empfehlen bräuchte. Mir kamen während des Lesens wunderbare Erinnerungen an meine eigene Kneipen-Vita hoch. Der Einstieg, das Aufgenommen werden, von so gestandenen Gestalten, die, so hatte ich den Eindruck, schon immer da am Tresen standen. Der skurrile riesenhafte (Ex - Bergmann) Wirt und seiner blassen Frau, so etwas wie Sozialisationsinstanzen. Das tolle Gefühl, nachts noch auf Klopfzeichen rein gelassen zu werden. Abende, die manchmal dermaßen ausarteten, dass man tags drauf gar nichts mehr wusste oder sein Auto suchte, (das war zu hause, eigentümlicher Weise) Unsere gemeinsame Fußballbegeisterung, mal eine Zeitlang Pferdewetten, verrückte Kartenspiele, wie klammern und blind pokern, aber auch heißes politisches Anbrüllen. Und, wie die Tenderbar, gibt es das „Stiftsstübchen“ nicht mehr. Nie wieder gab es so eine Kneipe, in der man sich so zu Hause fühlte. Der Wirt ist längst tot und die alten Gesichter grau. Wer solche Erinnerungen, Bilder, etc.. auch sein eigen nennen kann, der ist mit „Tender bar“ bestens bedient. Es fehlt, wie gesagt, eine gute deutsche Version. Titel „Stiftsstübchen“. Freunde, ran an die Geschichte.

 

Die Geschichte der Wapshots
John Cheever, DUMONT

Diese Geschichte treibt dahin wie ein altes Floß auf einem trägen amerikanischen Fluss; gut, nicht der Mississippi Mark Twains - doch oft genug ertappte ich mich beim lesen dabei, an Tom und Huck, Tante Polly oder Indianer Joe zu denken. Eher nicht an Frantzen oder Updike, da fehlt John Cheever einfach auch das Gesellschaftskritische, das Atemlos machende, die Fallhöhen. Die Geschichte der Wapshots findet in einer kleinen, überschaubaren Welt in Neu-England statt, die Jahrzehnte und Jahrhunderte purzeln durcheinander, und zwei Wapshots Jungs sind auf dem Weg, den amerikanischen Traum zu erfüllen. Das Ganze kommt mir vor wie eine Art Puppenstube von weit oben betrachtet, die Häuserbeschreibungen, die Kleinstadt Idyllen, die Charaktere, auch die richtigen Sauhunde bleiben am Ende noch irgendwie sympathisch, alles hat seine Ordnung, seine Pleiten, seine Höhenflüge, aber es fehlt eben das Überraschende. Es fehlt, dass man sich darauf freut wie es weitergeht. Klar, es sind skurrile Geschichten, vor allem die des Kapitäns Leander und seiner Frau Sarah sowie die der Erbtante, von der alle Wapshots mehr oder weniger abhängen. Und überhaupt die ganzen Wapshots, die die Weltmeere unsicher machten und in Samoa Frauen schwängerten um zu Hause wieder klein bei zu geben. Alles in allem schlittern die Wapshots ungläubig dem Ruin entgegen, in allen Bereichen, der alte Vergnügungsdampfer sinkt und tatsächlich, von nun an geht’s bergab. Aber richtig fesselnd ist das nicht.
Ich kann das Buch, grade weil ich ein großer Updike Fan bin, und auch die anderen amerikanischen Erzähler, wie Richard Ford, Joseph Roth oder Richard Powers und TC Boyle, etc. verehre, nicht grade empfehlen. Verstehe aber auch andere Meinungen. Denn immerhin ist das Werk ca. 50 Jahre alt steht deshalb wohl in der großen Tradition amerikanischer Erzählkunst. Insgesamt und etwas sarkastisch: eine gute Einschlafhilfe!

 

Superhero
Anthony McCarten, Diogenes

Ein beeindruckendes Buch. Wie ein Drehbuch geschrieben und trotzdem stört dies zu keinem Zeitpunkt. Der Mann hat Erfahrung was Theaterstücke und Drehbücher angeht. Hat er doch gemeinsam mit seinem Freund Stephen Sinclair die außergewöhnliche Theaterkomödie „Ladies Night – ganz oder gar nicht“ geschrieben. Ein Stück das heute weltweit gespielt wird und als Film sogar für den  einen Oscar nominiert war. „Superhero“ ist ein leiser Held, früh vom Krebs gezeichnet, dann wenn er am schlimmsten zuschlägt: in der Pupertät. Die unglaublich intensive Verbitterung auf die Welt, bei gleichzeitigem sarkastischem Blick auf diese, auf seine Familie, Freunde, Krankenhaus, etc. all das ist umwerfend und emotional berührend. Plastisch, die aufopferungsvolle Mutter die –vergebens- im Internet (zuweilen Trost aber auch sehr gefährlich, denn hier treibt der Scharlatan sein Unwesen) nach Auswegen sucht, Vater und Bruder kommen erst am Ende etwas aus dem Quark ihrer Sprachlosigkeit; allein ein Psychologe, Adrian King, findet so etwas wie einen Zugang zu Donald Delpe, unserem 14 jährigen, von der dauernden Chemo schwer gezeichneten, Helden. Ganz beklemmend wird es, wenn er, während die „rettenden“ Gifte in seinen geschwächten Körper träufeln, die Situation auf der „Krebsstation“ beschreibt, noch liegt er nahe der Tür, aber je näher er zum Fenster verlegt wird, desto näher ist der Tod. Donald ist ein Comiczeichner, hier erfindet er Geschichten über seinen „Miracleman vs. Gummifinger“.  Unzerstörbare Phantasiegebilde aber erst Adrian ist es vergönnt, (fast) am Ende, etwas davon zu verstehen. Das satirische Element in diesem wunderbaren Buch, ist der unbedingte Wille von Donald, nicht von dieser Welt zu gehen, ohne sexuelle Erfahrung gemacht zu haben. Also die, um die es immer geht. Wir verfolgen diesen Weg mit Bangen und Hoffen und es gibt eine so rührende Auflösung, das es fast weh tut. Das Buch ist ein Muss!

 

Totenvogel, Liebeslied
Michael Klaus, Assoverlag

Am Anfang wähnt man sich bei – Herrn Lehmann von Sven Regener oder, das fand ich eh noch besser, bei Tom Liehrs Idiotentest. Der übliche Tollpatsch, der nicht älter wird, hier schon jenseits der fünfzig, der durch die Katastrophen der Großstadt (mal zur Abwechslung aber charmant: Gelsenkirchen) wankt, mehr oder weniger trunken, ehe (so gut wie) - und arbeitslos, doch literarisch und satirisch nicht untalentiert. Seit Jahren lebt er von kleinen 2:30 Minütern, die übliche Länge für Radiosketche und schiebt seinen großen Wurf, seinen großen Roman, seit Jahren vor sich her. Wie gesagt, die Beschreibungen seiner bizarren Erlebnisse mit ausgeflippten Intellektuellen, mehr oder weniger zufällig in deren Fänge geraten, eine lebens- und sexhungrige Freundin (allerdings liebenswert charakterisiert), kaputte Mutterbeziehung und so allerlei Katastrophen,  machen bis zum Ende des ersten Drittels (bei 239 Seiten) noch keinen unbedingt lesenswerten Roman. Das ändert sich, als er ernsthaft an Krebs erkrankt, alleine die Umstände dieser Entdeckung, und die lange Reise im Kampf gegen den Krebs, das ist eine ganz große Nummer. Die Rückschläge, die Kebsstation, die Lakonie, das ist bewegend. Hier wird seine Beziehung zu seiner Freundin Insa, die er als Aushilfslehrer in ihrer Klasse kennen gelernt hat, und die in all den Jahren, trotz des großen Altersunterschiedes nicht voneinander loskommen, immer wieder  hart auf die Probe gestellt. Szenerien im Krankenhaus wie man sie nicht besser notieren kann, der – durch ein Loch im Kehlkopf Raucher-, die Kumpelhaftigkeit der Chemotherapiebrüder, das ist beklemmend und stark geschrieben. Wie gesagt, etwas durcheinander am Anfang, dann nimmt das Buch Fahrt auf und wird zu einem ganz wichtigen Buch und nimmt vor allem eins: Illusion. Denn das Buch ist auch eine Abrechnung mit den heute so modernen „Sterbehelfern“ die den Tod immer wieder mystifizieren wollen (Zitat: Und lebst du, seit du die Diagnose hast, nicht viel intensiver?) und ihn mit irgendwelchen heiligen Gedichten  oder Singsang, Topfschlagen oder bachblütend, willkommen heißen. Der Tod ist und bleibt, und grade wenn es um Krebs geht, eine grausame, schreckliche, auszehrende Frage an einen Gott, eben der Ruf, der in der Regel dann ungehört verhallt. Trotzdem, man bringt sich nicht um nach dem Buch; nicht nur deshalb, weil man diese Diagnose (noch) nicht hat, sondern, weil es soviel bittere Selbstironie enthält und zeigt, dass man nie den Lebensmut verlieren sollte. Respekt vor diesem Autor.

 

Alles hat seine Zeit
Karl Ove Knausgard, Luchterhand Verlag

Es gibt hier ein paar Voraussetzungen für den/die Leser, die bei mir nicht vorhanden sind. Und ich kann mir eigentlich nicht wirklich vorstellen, wer so etwas im Ernst und dann noch "ernsthaft" liest. Höchstens solche Freunde des Lesens, die auch "Jesus von Nazareth" lesen würden oder früher "Und die Bibel hat doch recht". Also, ich bin kein Freund der Bibel, es ist ja nicht mal wirklich geklärt oder bewiesen, wer das alles geschrieben, bzw. wer das so zusammengetragen hat, dass es "passt". Für mich eher ein Märchenbuch. Voraussetzung für den "Genuss" von "Alles hat seine Zeit" ist aber eine Gott- und Bibelgläubigkeit, die mir völlig abgeht. In dem Buch geht es um Engel (!) und die Frage, waren die schon immer da, noch vor dem Sündenfall und wie die dann weiter gelebt haben und so ein unnötiger Mist. Es gibt einen interessanten Aspekt in dem Buch, und zwar standen im Zeitalter der Aufklärung zwei wissenschaftliche Richtungen unversöhnlich aber noch gleichwertig nebeneinander: hier unsere Himmelsmechaniker wie Galilei, Kopernikus, Keppler oder Newton und da ein Antonius Bellori (oder Thomas von Aquin, Basilius der Große, u.a.)  mit seinem wissenschaftlich betriebenen Eifer eines Nachweises für Engel ("Über die Natur der Engel"). Er hatte nämlich im zarten Alter von 11 Jahren Engel gesehen und fortan kriegte er das nicht mehr aus dem Kopf. Seis drum. Wie gesagt, wer sich den Wälzer reintut, dem ist nicht zu helfen. Wahrscheinlich ist dem Autor auch nicht zu helfen. Ich denke, der hat in einer Art manischen Phase diesen opulenten Mist verzapft und kriegt auf dem Buchumschlag den Satz gedruckt "Weltliteratur" (Norwegischer Rundfunk). Nicht blenden lassen.

 

Lachsfischen im Jemen
Paul Torday, Berlin Verlag

Eine gute Idee versandet einfach. Ganz ehrlich, der Titel reizt schon. Man erwartet mit Spannung das Unmögliche.  Denn jeder, der ein wenig Verstand hat, oder zumindest ein wenig vom Angeln versteht, weiß, dass es nie Lachsfischen im Jemen geben kann. Aber der Reihe nach: der Anfang ist wunderbar. Klasse englische Satire. Man verfolgt einen elektronischen Briefverkehr bis in die höchsten Ebenen. Das ist teilweise richtig gut und lustig aufgebaut. Ein Scheich, der ein Landgut in Schottland besitzt, ein Angelfreund natürlich, speziell Fliegenfischer,  hat sich in den Kopf gesetzt, in seiner Heimat Jemen Lachse ansiedeln zu lassen. Dabei verfolgt er sogar noch den Gedanken, dass der Angelsport, ein friedliches Gebaren ist und alle Kriegslüsternheit, dadurch kanalisiert bzw. ausgelöscht wird. Wer angelt, macht keine Kriege, so einfach ist das. Nun wird eine Maschinerie in Gang gesetzt, die eben dieses Jemenlachsprojekt auch zum Leben erweckt bzw. erwecken soll. Geld, weil Scheich, spielt keine Rolle. Die Politik schaltet sich ein, Medien wittern Sensationen, es wird Speichel geleckt und Arsch gekrochen, alle wollen sich bei einem eventuellen Erfolg in diesem sonnen. Aber alles kommt, wie man sich denken kann, anders. Aber die Geschichte versandet einfach, wie die Wüste im Jemen. Eine endlose Zweierbeziehungskiste, eine zärtliche andere, endlose Protokolle von Verhören, über das Scheitern, etc…das langweilt so, dass man erst anfängt zu überlesen, dann immer schneller blättert, und hinterher ganz traurig ist, dass dieser Autor diese Idee nicht am Leben halten konnte. Genau wie die Lachse. Es ist eben kein Flann O`Brien oder Stephen Fry am Werk, die hätten vielleicht noch irgendeinen Plot gefunden und am Ende hätten es die Genies von Monty Pythons verfilmt. Schade.

 

Tannöd
Andrea Maria Schenkel, Nautilus Verlag

Darf man sich an so einen hoch gelobten Krimi wagen? Bei Bestsellerlisten werde ich mittlerweile immer skeptischer. Es gibt genügend Beispiele von Luftblasen, die diese Listen anführen oder anführten. Und leider muss ich sagen, auch bei Tannöd ist mir unerklärlich, wer oder was so ein Büchlein auf Nr. 1 hievt und das dann noch den Deutschen Krimi Preis erhält. Alleine die 8 Seiten, gefüllt mit klerikalen, unsäglichen Litaneien (was bei effektiven 122 Seiten nicht wenig ist) und die verzweifelte Suche nach Seitengewinn, indem einfach mal ein Kapitelchen auf die nächste Seite gezogen wird und nach ein paar Zeilen endet, sodass das Nächste dann wieder auf der folgenden Seite anfängt. Gut, das sagt alles nichts über die Qualität aus, aber diese düstere Nachkriegsgeschichte aus einem oberpfälzischen Dorf in Bayern überzeugt auch mich als Krimifreund nicht. Die Idee, einen anonymen Frager ins Dorf zu schicken, der alle möglichen Menschen nach deren Beziehung zur abgeschlachteten Familien Danner/Sprengler vom Tannödhof befragt, ist nicht schlecht aber unspannend. Die Stellungnahmen der Figuren bleiben mir zu statisch in ihren jeweiligen Rollen (z.B. von der Magd bis zum Pfarrer hin zum Bürgermeister) Die ständigen Wechsel von Personen die in irgendeiner Beziehung zum Tannödhof standen hin zum notwendigen vorantreiben der Story, verwirrt nur. Und diese Inzest Geschichten, die betrogenen Männer, die allgemeine gottesfürchtige Mürrischkeit und dem sich daraus entwickelnden psychopathologischen Netz, welches über dem Dorf liegt, macht nur deutlich was man vorher schon weiß und hilft auch dem Buch nicht wirklich. Ich würde es nicht verschenken.

 

Das Echo der Erinnerung
Richard Powers

Auch einen Monat nach Beendigung dieses „neurologischen Fachbuchs“, das als Roman verkleidet daher kommt, weiß ich immer noch nicht so recht, was ich dazu sagen soll. Nach seinem fulminanten, von mir geliebten Werk „Der Klang der Zeit“, würde ich mich jetzt allerdings festlegen und sagen, dass das „Das Echo der Erinnerung“ insgesamt eine Enttäuschung ist. Gleichwohl verstörend. Aber was nutzt mir als „Laien“, diese unglaubliche Aufzählung von Schädel-Hirn Traumata mit allen nur möglichen bizarren Neuro-Psychopathologien?  Ich meine „Hut ab“ vor so einer Recherche im Labyrinth des Gehirns. Was bleibt am Ende des Tages? Eine biedere Fahrerflucht. Da können auch die Endzeit Mythologien über taggenaue Kranichwanderungen, Öko Aktivisten und ein, sich im Laufe des Romans in Frage stellender, populär-wissenschaftlicher Neurologe nichts mehr retten. Auch keine frustrierte, vom Sender geschasste, alternde Moderatorin. Im Groben geht es um ein neurologisches Phänomen nach einem „Unfall bedingten“ Schädel Hirn Trauma (Capgras-Syndrom), bei dem ein Mensch, einen anderen, von ihm geliebten Menschen, nach diesem Gehirnschock nicht mehr erkennt, bzw. verleugnet. Alles in allem, schwere Kost, würde ich nicht verschenken!

 

„Die Habenichtse“
Katharina Hacker

„Die Qualität des Romans bestehe darin, Fragen in Geschichten aufzulösen, und sich mit den plakativen Antworten von Politik und Medien nicht zufrieden zu geben“, so die Begründung der Jury zu ihrer Entscheidung, K. Hacker den deutschen Buchpreis 2006 zu verleihen. Das sollte eigentlich wert genug sein, dieses Buch, auch ohne es selbst gelesen zu haben, zu verschenken. Doch Vorsicht! Wer zum Literaturbetrieb wenig Affinität hat, bzw. wenig liest, und dieses Geschenk bekommt, der wird seinem „Wohltäter“ in Zukunft anders anblicken, und das nicht positiv. Nein, das Buch ist sogar eher dafür geeignet, die Lust am Lesen zu verringern. Man quält sich förmlich in den Text, der sich alsbald hier und da mit, zugegeben,  äußerst wohlfeilen, bildreichen Sätzen schmückt aber alles in allem hohl bleibt. Ist dieses
„Hohl“ das Gewollte? Gesellschaftliche Entfremdung und Leere? Gut, da weiß ich auch was von, aber warum so unspannend, kalt und sagen wir es mal platt
„Durcheinander“? Wieder mal ein von Medien gemachter „Bestseller“, der in Bücherschränken verstauben wird, und der, wenn überhaupt, bis ca. Seite 60 gelesen wird.

 

Die Chemie des Todes
Simon Beckett

Ein (früher sehr bekannter und erfolgreicher) forensischer Anthropologe, sucht sich nach dem Unfalltod von Frau und Kind, eine Stelle als Landarzt irgendwo in der tiefsten englischen Provinz. Beschäftigte er sich früher mit den Maden und Fliegen, etc.-  die jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt auf verwesenden Leichen ein Festmahl halten - um den genauen Todeszeitpunkt, und mehr, zu erforschen, will er jetzt nur noch Antibiotika gegen Mandelentzündungen verschreiben oder Kinder mit Bonbon und Pflastern trösten. Doch alsbald passieren (natürlich) in diesem Dorf furchtbare Dinge und die Vergangenheit holt den „Experten“ ein. Nun entwickelt sich ein ziemlich spannender Krimi, der diese Spannung auch bis zum Schluss hält.
Dabei wird diese, in der Literatur oft beschriebene „Dorf – Idylle“ (Besuch der alten Dame, Andorra, Hexenjagd) alsbald brüchig und zeigt ihre Fratze. Da muss sich der Doc bis zum Ende durchkämpfen. Wie gesagt, spannend bis zum Schluss,  gute Urlaubs-/Couchlektüre und als Verschenkbuch macht man nichts falsch!

 

Die Schopenhauer-Kur
Irvin D. Yalom

Das Buch ist der Hammer. Aber vielleicht ist diese subjektive Einschätzung auch deshalb so super, weil dieser Autor es schafft, Wissenschaft (in diesem Fall Psychopathologie, Psychotherapie) und Philosophie zusammen zu bringen. Und das habe ich schon immer geliebt. Julius, ein erfolgreicher Therapeut, natürlich in Amerika (San Francisco), wird plötzlich mit seiner Krebsdiagnose konfrontiert. Er leitet seine (Lieblings-) Gesprächsgruppe zwar weiter, macht sich aber nunmehr rückbesinnend Gedanken darüber, wann und bei wie vielen Patienten er wohl versagt hat. Dabei trifft er auf Philip, ein ehemals Sex besessener, untherapierbarer, vollkommen asozialer Mensch. Der er heute zwar auch noch ist, aber der einen gewaltigen Wandel hinter sich hat, und als „wiedergeborener“ Philosoph Arthur Schopenhauer, herumgeistert. Ganz nebenbei erfahren wir biographisches über eben diesen Schopenhauer, gespickt mit Zitaten aus all seinen Werken und Lebensphasen. Dazu die Geschichten des therapiesüchtigen, amerikanischen Mittelstandes mit einem Ashram-Ausflug nach Indien, inkl.  Meditation mit Guru. Das alles konsequent aufgebaut und dadurch unglaublich spannend. Es ist so viel Weltkluges dabei; soviel, was man für sich daraus holen kann, und ich frage mich, warum mir dieser Autor erst jetzt über den Weg läuft.

 

Und Nietzsche weinte
Irvin D. Yalom

Ein fiktiv-historischer Roman, der im ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem in Wien spielt. Der noch völlig unbekannte und depressive und ständig kränkelnde Philosoph Friedrich Nietzsche und der angesehene Wiener Arzt Josef Breuer, dialogisieren nahezu endlos ihre Psyche aus. Dabei zeigt sich, dass beide mit ganz ähnlichen Defekten zu kämpfen haben, beide sind jeweils völlig unterschiedlichen Frauen obsessiv ausgeliefert. Es geht um die Suche nach geistiger und körperlicher Befreiung, wobei sich beide aus unterschiedlichen Richtungen einander nähern und so helfen. Auch der junge Sigmund Freud mischt kräftig mit und so haben wir es auch mit der Beschreibung der Anfänge der Psychoanalyse zu tun. Das Ganze liest sich durch die seltsame Ausdrucksweise manchmal recht anstrengend, der große Vorteil ist aber (ganz ähnlich wie uns in seinem späteren Werk „Die Schopenhauer-Kur“ eben Arthur Schopenhauer nahe gebracht wird) dass einem der große Philosoph Friedrich Nietzsche vorgestellt wird. Alle seine mehr oder weniger bekannten Zitate, wie mit den Frauen und der Peitsche, oder „Stirb zur rechten Zeit“, „Breche die ehe bevor die Ehe dich bricht“, „Werde, wer du bist“ etc… werden nun im Zusammenhang begreifbar und die große Einsicht, dass Liebe immer Verklärung und Projektion ist, ist zwar nicht neu, aber geht einem doch in dieser Intensität, ziemlich nahe.

 

Das stille Mädchen
von Peter Hoeg

Vorsicht vor dem Buch! Kritik mal kurz gefasst: „Bildungsgeprotze und Übersinnlichkeitsgeschwafel“. Hoeg meint, auf transzendentalen Ebenen eine Art "James Bond Krimi" für Metaphysik fans zu schreiben und scheitert, wohl an selbst gesetzten, religiösen Grenzen. (dieses ständige "Gott die Herrin" nervt nur, um später wieder der Allmächtige zu sagen, ja was denn nun?) Plot des Ganzen ist, oder soll sein, dass der (oder das-) „Böse“ sich aufmacht, und in der ganzen Welt übersinnlich begabte - stille - Kinder sammelt, die auf Grund ihrer Fähigkeiten Erdbeben voraussagen können. (Damit ließen sich trefflich Optionsscheine verkaufen, und damit mal richtig Knete machen - mal satirisch gesagt, um was es da geht)  Die Hauptperson, Kaspar Krone, Däne, erfolgreicher aber mittelloser Clown, eine menschliche Mixtur aus Fledermaus und Delphin, ist ständig dabei, Klänge zu orten und zu spüren. Er horcht in die Kopenhagener Nacht hinaus und erkennt an Schwingungen und Wellen, oder was weiß ich, den Zustand der Stadt oder von einzelnen Personen. Mit, wie gesagt, telepatischen, sensorischen - eben übermenschlichen Fähigkeiten, die er nach einem Unfall als Zirkusartist plötzlich erlangte. Dabei fliegt er quasi allen die ihn jagen, wie ein Phantom davon,  ob es die Steuerfahndung ist, oder eben die böse Seite, die die "stillen Kinder" verschleppt. Der Verlag (Hanser) hat sich wohl auch schon überlegt, wie er das Buch vor der Kritik retten soll, und legt zum besseren Verständnis eine Liste der im Buch vorkommenden Menschen bei, auf die man, legt man das Buch nicht schon früh weg, auch immer zurückgreifen muss. Wichtig auch für alle, die bis zum Ende durchhalten: Hoeg ist natürlich ein guter Schriftsteller und das Buch bekommt noch eine verstrickte Geschichte und die für dieses Buch wichtigen Zusammenhänge, ergeben sich erst nach und nach. Ja, ich habe "Fräulein Smilla.." geliebt, das Buch hatte einen mystischen Dampf, einen fesselnden Spannungsbogen, wohl mit einem seltsamen, quasi außerirdischen Schluss, aber der konnte das Gesamtwerk nicht mehr treffen. "Die Frau und der Affe" war schon eine "King Kong - weiße Frau" -Geschichte, die man ihm noch verzeihen konnte. Aber jetzt hat man das Gefühl, er hat Jahre damit zugebracht, Zitate aus klassischen Dramen (Parsival, f.f.), Musikstücken (Goldbergvariationen, f.f.) oder von Philosophen (Kierkegraad, f.f.) zu sammeln, um mir ständig sagen, wie doof ich bin. Nun, in einem Interview mit der FAZ (29.01.07) gibt er auf eine Frage zum gleichen Thema zu:  "Es ist Illusion. Ich weiß nicht viel. Ich bin nur Schriftsteller und habe nur begrenzte Zeit zur Verfügung. Aber ich kann so tun, als ob ich etwas weiß!" Zum Beispiel, das F-moll der Klang der Selbstmörder ist. Verdammt, ich hab es geahnt.

 

Ruhelos
William Boyd, Berlin Verlag

Spannend gemachter Spionage Thriller. Aber nicht nur das. Es ist auch eine Art Familiengeschichte, bzw. eher eine von Mutter und Tochter. Mitte der Siebziger in London. In Deutschland RAF Hysterie, die auch zwischendurch thematisiert wird und Ruth, die Tochter, macht sich Sorgen um ihre Mutter, die wohl, im vor Hitze stöhnenden Sommer in London, langsam zu spinnen anfängt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es entwickelt sich eine Agentinnenstory allererster Güte. Die ursprünglich als Kind russischer Einwanderer in Paris aufgewachsene Eva Delektorskaja eröffnet ihrer Tochter nach und nach die Geschichte ihres Lebens. Wir erfahren, für mich auch neu, dass der britische Geheimdienst am Anfang des zweiten Weltkrieges mit allen Mitteln versucht, die Großmacht USA zum Eintritt in den Krieg zu bewegen.
Mit Hilfe lancierter Meldungen, z.B. über gefakte U-Boot Angriffe, oder sonst irgendwelchen vermeintlichen Aufmärschen, soll das Pentagon bzw. Roosevelt provoziert werden, sich gegen Hitler zu stellen. Eva wird angeheuert, von einem
007 Typ namens Eric Romer. Ihre Tarnung ist eine Art Presseagentur für eben diese Zeitungsenten. Sie entwickelt sich zu einer Topagentin, behält aber immer ein gewisses Widerstandspotential, welches ihr mehrmals das Leben rettet.
Am Ende muss sie einsehen, dass sie auch nur eine Randfigur in einem konstruierten Verwirrspiel ist, sogar locker geopfert würde, und sie entzieht sich dem Zugriff ihres eigenen Geheindienstes. Aber die Story ist hier noch nicht zu Ende.
Tochter Ruth lernt mit und es kommt zu einem gemeinsamen Showdown, den ich aber nicht verraten will. Sehr gut gemacht und spannend bis zum Schluss.

 

Gib jedem seinen eigenen Tod
Veit Heinichen

Tja, Triest hatte ich bisher nicht auf der Krimikarte. Aber nach der Lektüre dieses lockeren und doch spannend gemachten Krimis, bin ich versucht diese Stadt mal zu besuchen. Denn Heinichen gelingt es, in diese komplexe Handlung aus mafiösen Strukturen, Geldwäsche und Schlepperorganisationen, Sympathie für Land und Leute zu wecken. Und Commissario Proteo Laurenti ist ein Ermittler, den man gleich ins Herz schließt. Vor allem weil z.B. seine Tochter, und er bekommt deshalb Wutanfälle, bei der Wahl zur Miss Triest teilnimmt, etc. Diese kleinen Nebenkriegsschauplätze machen u. a. den Charme dieses Krimis aus. Empfehlenswert.

 

Idylle der Hyänen
Friedrich Ani, Zsolnay-Verlag

Am Anfängt wähnt man sich in einem Tatortdrehbuch. Ein gut gemachter zwar, doch auch nicht sonderlich überfliegerisch. Ein sympathischer Kommissar, allein durch seine Vita ein philosophisch interessanter und interessierter Mensch. Verbrachte er doch acht Jahre in einem Kloster bevor er zur Mordkommission kam. Schauplatz ist München und drum herum, Allgäuer Bauerndörfer, ein Kloster im See und ganz viel Psychopathologie. Eine Familie, die in der mütterlichen Linie mit Suizidverlangen zu tun hat und ein durch geknallter, ehemaliger TV-Vorabendserienschreiber, ergeben eine bunte, durchaus spannende Mischung. Dem Kommissar Polonius (!) Fischer setzt noch eine junge Kommissarin nach, der Kommissar steht aber auf seine Taxifahrerin Ann-Kristin (muss wohl ein Senta Berger Typ sein) hat. In der Mitte zieht das Buch an und man muss aufpassen, dass man nichts durcheinander bringt.
Gut gemacht und spannend. Von dem Autor würde ich gerne mehr lesen.

 

Die Straße
, Cormac McCarthy, Rowohlt-Verlag

Gäbe es einen Oscar für die düstersten Endzeit - Geschichten, Cormac McCarthy hätte bisher nicht nur einen geschnappt. Dieses Drama, im wahrsten Sinne des Wortes ist ein Kammerspiel, welches dermaßen unter die Haut geht, dass man jederzeit anfängt zu frieren, wenn man an das Buch denkt. Es stellt sich die ganze Zeit die Frage, warum bringen die sich nicht um (bzw. der Vater den Sohn, aus Verantwortungsgefühl) oder warum lege ich das Buch nicht weg.
Aber es frisst an einem, allein die Ausstattung dieses Endzeittheaters macht Grauen.
Es gibt nichts mehr, alles ist Asche, eiskalt und tot. Ein Vater schleppt sich mit seinem Sohn durch dieses biblische Aus und nur ab und zu treffen sie auf, meist kannibalisierende Horden. Kein Wort, was zu dieser Katastrophe geführt hat, oder ob ein Geigerzähler verrückt spielen würde. Allein der Wille, die Liebe, das Überleben zählt - auch wenn die Hoffnung tatsächlich zuletzt stirbt. Grausam schön.

 

Der Steingänger
Davide Longo, Wagenbach – Verlag

Zufall? Eine dritte Alpensaga in kürzester Zeit in meiner Hand: „Der Teufel von Mailand“ (Martin Sutter): schlecht, „Stille“ (Tim Parks): gut. „Der Steingänger“, na ja!
Also, das muss man nicht lesen. Spielt im Grenzgebiet, zeitlich nicht genau definiert, im Piemont, im Grenzgebiet Italien/Frankreich. Es geht um Schleppertätigkeiten, alte Feindschaften, mysteriöse Zeichen und natürlich um einen Mord. Der Steingänger ist so eine Art geduldeter, einsamer Wolf und wohnt weitab vom Dorf. Früher einmal hat er auch kräftig mitgemischt, ist aber jetzt im Ruhestand. Aber einmal muss er noch ran. Auch um rauszukriegen, wer seinen besten Freund in den Bergsee geworfen hat. Es wird viel geraucht in dem Buch, und am Ende des Tages sage auch ich: viel Rauch um nix.

 

Die dritte Jungfrau
Fred Vargas, Aufbau – Verlag

Jean-Baptiste Adamsberg, wer diesen Kommissar nicht liebt, bzw. natürlich seine Erfinderin, dem ist nicht zu helfen. Zuallererst muss ich aber die Übersetzerin Julia Schoch loben, denn was die da aus diesem französischen Krimi an authentisch-verbalem Material rauskitzelt, ist ebenfalls Spitze. Manchmal bleibt sogar die Handlung auf der Strecke, bei so viel Sprachwitz. Ist aber egal, in Fred Vargas Gehirn haben Ideen Platz, die einen nur neidisch machen. Ein unnachahmlicher Humor, psychologische Dichte, verrückte Geschichten und Bilder, unbeschreibliche Typen: ein Feuer genialer Einfälle. Super. Am Ende ist es sogar egal, wer da mordet.
Verraten will ich nur so viel: im Glied des Katers steckt ein Knochen, warum also nicht im Rüssel des Schweins? Lesen, lesen, unbedingt!

 

Die Süße des Lebens
Paulus Hochgatterer, Verlag Deuticke

Man merkt, der Mann, bzw. der Autor hat mit Psychiatrie zu tun und lässt das auch raus. Ich finde das nicht immer glücklich, wenn ein Schriftsteller einen Roman aus seinem Job heraus entwickelt. Aber der Reihe nach: Es gibt, wenn man so will, zwei Hauptpersonen: einmal der Psychiater Raffael Horn und den Sternen guckenden Kommissar Ludwig Kovacs.
Eine Kleinstadt in Österreich bildet während der Weihnachtstage und danach ein düsteres Dahinter. So und jetzt Vorsicht: der Handlungsstrang, ausgehend von einem Mord eines Psychopathen  an einen Großvater, der grade noch mit seiner Enkelin -Mensch ärgere dich nicht- spielte, ist nie geradeaus. Wir folgen unendlichen, allerdings interessanten Beschreibungen all der irgendwie teilnehmenden Personen, d.h. Randfiguren mit allen möglichen Ticks und Verschrobenheiten, dass man meint, der Autor stellt uns die ganze Stadt vor. Das ganze ermüdet. Das ist ein Buch, zum Einnicken, zum Faden verlieren, wenn auch, das will ich noch mal betonen, alle Figuren feingliedrig beschrieben sind. Man liest das Buch aus, und hat fast vergessen, bei all der Fülle von Malancholien, Neurosen und Verordnungen, um was oder wen es ging. Ich würde das Buch nicht verschenken.

 

Das Ende ist mein Anfang
Tiziano Terzani; DVA Spiegel Buchverlag

Natürlich werde ich am Ende das Buch empfehlen. Unbedingt. Aber bei so einem Thema, wo es um Krankheit, Tod, Mut, Liebe, Vergänglichkeit, Freiheit, Weisheit, etc.,  also alles, um was es im Leben und somit auch seinem Ende, geht, schweifen Gedanken immer wieder ab. Man vergleicht sein eigenes, bisher gelebtes Leben, und ist manchmal sogar ein wenig verschämt, wenn man über so viel Erleuchtung liest. Aber der Reihe nach. Tiziano Terziani ist ein ehemaliger Spiegel Journalist mit einem bewegten und bewegenden Leben. Das ist auch gleich die Stärke des Buches. Sein Leben in Indochina, sein hautnahes dabei sein in Vietnam, Laos, Kambodscha, seine Zeit in Japan und Indien. Und hier vor allem seine ganz starken Einlassungen über Krieg und Frieden, und was der Journalismus dazu beiträgt, oder eben nicht. Hochaktuell seine Darstellung über die peinlichen Pressekonferenzen in Saigon, Anfang der Siebziger, wo irgendwelche US Generäle die Vernichtung ganzer Länder strategisch erklären, die Bombenteppiche verharmlosen, und die Leichenberge der Zivilbevölkerung vertuschen. Das kennen wir jetzt wieder aus dem Irak. Taziani war damit nie einverstanden, schrieb nicht mit, was irgendein Presseoffizier in die Federn diktierte, sondern suchte immer die Dinge hinter Dingen. Das war sein Leben als Journalist. Er geht einen ungeheuren Weg, gründet eine Familie, wird Fernost- Experte, mehr als einmal in extremster Lebensgefahr. Das liest sich spannend und frischt eine Geschichte auf, die ich selbst, zwar jung, doch moralisch empört, selbst ein wenig erlebt habe. Nur waren meine Vietnamdemonstrationen damals aus heutiger Sicht zwar wichtig, doch alles in allem auch ein wenig infantil und diffus. Wenn man darüber nachdenkt, wie man kurzerhand mal eben Mao, oder evtl. auch den Kommunismus nacheiferte. Wie gesagt, eine ganz wichtige Aufarbeitung. Polpot, rote Khmer, alles wird wieder unheimlich lebendig und man wird fassungslos ob der Millionen Toten.
Nun ist Terzani krank, er hat Krebs. Sein Anliegen ist es nun, seiner Familie, insbesondere seinem Sohn Folco, sein Leben zu erzählen. Terzani muss sich beeilen, der Tod ist nah, aber wie ein Erleuchteter so ist, er heißt ihn freudig willkommen. In seinem Haus in den Bergen der Toskana, berichtet er nun von seiner gegangenen Strecke. Doch das letzte Drittel des Buches  wird dann doch zu einem  Endlosratgeber in Sachen: wie lebt man richtig. Das wird zuweilen etwas ermüdend und ich habe oft an die schon lange existierenden, fast gleich lautenden Schriften meiner alten Bezugsgruppe gedacht:
Häuptling Seattle, Rede an den amerikanischen Präsidenten aus dem Jahre 1855;
Henry D. Thoreau, Walden; Robert M. Pirsig, Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten; Carlos Castaneda, Die Lehren des Don Juan; Dee Brown oder Jack D. Forbes und nicht zuletzt Hermann Hesse. Ich will das Buch, wie schon eingangs gesagt, sehr gerne empfehlen, es löst aber zum Ende hin – was für ein Bild –
durch die ständigen Wiederholungen und Einschärfungen, wie man leben sollte -und dann wird es schon werden- eine leichte Beklemmung aus. Nämlich, das schon damals für den Lauf der Welt, und den Sieg des Materialismus über die Spiritualität, Häuptling Seattle umsonst gesagt hat: Ich weiß nicht – unsere Art ist anders als eure. Der Anblick eurer Städte schmerzt die Augen des roten Mannes. Das Geklappere scheint unsere Ohren nur zu beleidigen. Es gibt keine Stille in den Städten der Weißen. Keinen Ort, um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten. Was gibt es schon im Leben, wenn man den einsamen Ruf des Ziegenmelkervogels hören kann, oder das Gestreite der Frösche am Teich der Nacht. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Am Ende des Tages wüsste ich nicht, ob es von Taziani oder Seattle ist. Aber einigen wir uns mal so: vielleicht war Taziani der wiedergeborene Seattle. Und dann schließt sich der Kreis doch.

 

 

Bücher 2006

Landleben
John Updike

Ein überflüssiges Buch von einem meiner liebsten Autoren. Inhaltlich, hat er das schon mehrmals durchgekaut und nie besser geschrieben als in „Rabbit in Ruhe“
Erinnert stark an Begleys About Schmidt. Hat Updike nicht nötig.

 

Bis ich dich finde
John Irving

Langweilig! Was sie immer schon über Tatoos wissen wollten. Ich wollte und konnte es nach 200 Seiten nicht mehr ertragen. Nach seinem Meisterstück „Owen Meany“ konnte ich nur noch „Zirkuskind“ mit Mühen zu Ende bringen und bei „Witwe für ein Jahr“ war eh alles vorbei. Was war das früher für ein Gott: „Garp“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Hotel New Hampshire“, „Die Bären sind los“ etc… Ganz großes Kino damals.

 

Die Vermessung der Welt
Daniel Kehlmann

Klasse Buch! Erkundungsräusche, Entdeckerphantasien. Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, zwei Genies wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Der eine rastlos in der Welt unterwegs der andere mathematisch, philosophisch genial - aber kauzig zu Hause. Das ist Wissenschaftshistorie und Philosophie wie ich es liebe. Dabei noch komisch genug.

 

Der Weltensammler
Ilija Trojanow

Sehr anspruchsvolles Buch, halbauthentisch aus dem Leben des Entdeckers Richard Francis Burton. Ein Abenteuer- und Ethnoroman. Hinduismus, Islam und die Erforschung der Nilquellen in Afrika. Rastlos und bizarr. Und auf einmal versteht man was in Mekka so abgeht. Schildert sogar in einfachen Worten den Ursprung der heutigen Kulturkämpfe.

 

Pferde stehlen
Per Petterson

Eines der schönsten Bücher des Jahres. Voller Altersweisheit, ohne über Gebrechen zu schweigen. Eine spannende Zeitreise mit Nazihintergrund im hohen Norden. Unbedingt empfehlenswert.

 

Der lange Weg
Joseph Boyden

Meine Entdeckung des Jahres. Bis heute mein absoluter Favorit in 2006. Ein fulminanter Antikriegsroman, ein Roman voller indianischer Mystik und es passt so stimmig zusammen, dass ich noch tausend Seiten davon gebraucht hätte.

 

Eine Saison mit Verona
Tim Parks

Wer über den italienischen (Mafia-) Fußball mitreden will und trotz allem Fußballfan bleiben will, dem sei dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Neben „fever pitch“ wohl das beste Buch über Liebe, Hass und Treue im Fußball. Vergesst den ganzen WM – Fußball Buch-Müll und man versteht auch den zuweilen abgrundtiefen Hass zwischen Schalke und Dortmund, zwischen 1860 und Bayern, zwischen Frankfurt und Mainz, etc…. viel besser. Klar wird auch, so wie es bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung immer ist: die ganze Sport - Journaille  schürt schon im Vorfeld eines Derbys die Emotionen so, dass die verfeindeten Lager quasi nicht anders können, als aufeinander los zu prügeln. Ist ja ihre Bestimmung. Das wäre schon mal eine Aufgabe für mich: mit dem BVB eine ganze Saison zu allen Auswärtsspielen und das mit den schangeligsten Fortbewegungsmitteln die es gibt. Ständig eingekreist von Sonderkommandos im Vorfeld und quasi eingesperrt in den schlimmsten Ecken der Stadien. Eben der –Gästefanblock-. Ich denke allerdings, der vergleich hinkt, die deutschen Stadien sind sowieso ziemlich in Schuss aber Italien… und die Entfernungen. Da fährst Du 2000 Kilometer nur um in Palermo eine Klatsche zu fangen. Da musst Du schon echter Fan sein.  Toll, die Beschreibungen von Parks eben über diese Typen: verrückt, süchtig, vollkommen verstrahlt oder gläubig und manchmal alles zusammen.

 

Der Sündenfall
Stephen Amidon

Im Sinne der amerikanischen Gesellschaftsromane geschrieben. Irgendwo zwischen Jonathan Franzen und Tom Wolfe mit Anleihen bei John Updike. Teilweise beklemmend aber auch nervend, weil mit jedem weiteren Kapitel auch ein weiteres Drama, persönlicher, pekuniärer oder politischer Natur dazu kommt. Zum Ende hin anstrengend.

 

Der Teufel von Mailand
Martin Suter

„Als ich diesen Autoren vor etwa 6-7 Jahren mit Small world  und Die andere Seite des Mondes entdeckte, war ich hin und weg. Leider hat er mich seit dem nicht mehr wirklich überzeugt. Der Gipfel ist diese hanebüchene Alpengespenstergeschichte im Sinne von „Der Berg ruft“. Schwach. Und wieder verstehe ich diese Lobhudelei nicht.

 

Der Prediger von Fjällbacka
Camilla Läckberg

Ein hoch gelobter Krimi, der die Erwartungen nie ganz erfüllen kann. Liegt vielleicht aber an der sehr gestelzten und hölzernen Übersetzung. Und zu viele Nebengeschichten, die dazu noch äußerst langweilig sind.

 

Wo kein Zeuge ist
Elisabeth George

Das sollte nun wirklich der letzte Roman von ihr sein. Ich habe es im Urlaub noch mal versucht und es war wirklich schade um die Stunden. Leider habe ich den „Kriminalroman“ zu Ende gelesen.

 

Tiefer Schmerz; Falsche Opfer; Böses Blut; Rosenrot
alle von Arne Dahl

Allesamt gute Krimis. Absolut spannend und „politisch korrekt“. Mein Lieblingsautor aus dem Norden.

 

Das fünfte Zeichen
Jo Nesbö

Klug durchdachter Krimi, norwegisch und versoffen, und bis zum Ende leidlich spannend. Und wenn der Oberermittler auch noch Harry Hole heißt, und eigentlich schon wegen Sauferei und anderer Eskapaden quasi entlassen ist, macht das sowieso total solidarisch.

 

Ein Geheimnis
Philippe Grimbert

Beklemmend autobiographischer Roman über Paris zur Zeit der Naziherrschaft und des Vichyregimes. Die meisten Juden fliehen aus der Stadt und an einem Schicksal zweier ehemaliger, jüdischer „Sportstars“, macht sich Dunkelheit breit. Aus der Sicht eines damals kleinen Jungen, der seinen heldenhaft und psychodramatisch verehrten Bruder -plus Mutter-, an die Vernichtungslager verliert. Nach und nach kommt die  wahre Geschichte (bzw. die des Erzählers) raus.

 

Stirb ewig
Peter James

Schon die Ausgangslage ist klasse. Junggesellenabend, der Heiratswillige wird zum Spaß eingegraben, die anderen fahren solange in eine Kneipe, unterwegs ein Unfall – alle tot. Keiner weiß wo das Grab ist. Am Ende fällt der Krimi leicht ab, aber insgesamt Genuss ohne Reue.

 

Es geht uns gut
Arno Geiger

Tja, zwiespältig. Richtig gefallen hat mir nur die Beschreibung der Tauben. Als Sinnbild für völlige Verdreckung in Geist und Seele. Das Leben eines Fragezeichens,
in den Tag hinein gelebt und wieder raus, und so weiter.

 

Die Brooklyn Revue
Paul Auster

Lesenwertes von unserem Chefstoryteller aus New York.
Geschichte um einen scheinbar „Todranken“ der es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine Art familiäres soziales System in Brooklyn zusammenzuhalten. Lakonisch, jüdisch, tragikkomisch, schön! So recht hat Auster mich noch nie enttäuscht.

 

Der Augenblick der Wahrheit
Leif Davidsen

toller „politischer“ Krimi. Ein  Paparazzi  hat bei seiner Promijagd einmal zu viel auf den Auslöser gedrückt. Spannend bis zum Schluss. Es geht hin und her zwischen Stasi und dänischem Geheimdienst, aus dem flirrenden Madrid ins „Dr. Schiwago Russlands.“

 

Schillers Vermächtnis und Teufelszeug
Heinrich Peuckmann`s „Heimatkrimis“

Gut durchdachte Krimis aus Dortmund. Man kann quasi mit dem Hauptkommissar die Straßen nachfahren. Das ist schon verrückt und auch nachvollziehbar. Auch die Stories sind stimmig und er bemüht sich immer um ein überraschendes Ende.
Ein Krimi aus dem Neonazi Müll Bereich, der andere siedelt eher bei „Sekten“ an. Aber eben nur vordergründig. Schade ist, dass er immer wieder zeigt, was er gelernt hat: Theologie, Philosophie, etc…Man liest es und denkt, ach ja, das steht ja auch auf dem Buchrücken, dass der davon Ahnung hat. Und so hebt es sich irgendwie auf. Es ist etwas schal, wenn man die Erkenntnisse  seines Berufslebens unbedingt immer einarbeiten will.

 

Stille
Tim Parks

Ein Highlight des Herbstes. Schon fast ein Ausflug in den Buddhismus.
Ein Übervater (so eine Mischung aus Harald Schmidt und Ulrich Wickert) der Medien
wird plötzlich durch einen seiner Söhne auf Daumengröße gestutzt. Der hat nämlich eine Biographie über den Medienstar gemacht. Titel : Im Schatten des Allmächtigen.
Nach der Lektüre kommt es zum Showdown. Einerseits macht er das Interview seines Lebens (mit Bush) andrerseits beschließt er die totale Askese. Ausgerechnet in den italienischen Dolomiten. Und haut hier in verzwickte inzüchtige Systeme. Toll, wie Parks das neue Leben in der Einsamkeit beschreibt, man friert förmlich mit, hört die Scheiße aus dem Außenklo nahezu in die Tiefe klatschen. Man hat kurz vor dem Ende, Angst vor dem Ende: Angst davor, dass das Buch bald aus ist und davor, das einem die „Auflösung“ nicht behagt. Mir behagte sie auch nicht so recht.

StrichV300
Lieblingsbucher

... der letzten Jahre:

 

 

2003:

Der Schatten des Windes
von Carlos Ruiz Zafon

2004:

Nachtzug nach Lissabon
von Pascal Mercier

2005:

Der Klang der Zeit
von Richard Powers

2006:

Der lange Weg
von Joseph Boyden

2007:

Die Lage des Landes
von Richard Ford

2008:

Krematorium
von Rafael Chirbes

2009:

Frau Sorgendahls schöne weiße Arme
von Lars Gustrafson
und
Empörung
von Philipp Roth

StrichH850

 

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