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Bücher 2012
Gerron Charles Lewinsky, verlag nagel&kimche Grausam gut, entsetzlich schön! Selten hat mich ein (Tatsachen-)Roman so fasziniert. Nach einigem Seiten des Lesens, ertappte ich mich dabei, gleich eine Suchmaschine anzuwerfen und mir einen Überblick zu verschaffen wie die Dinge liegen und lagen. Und die Geschichte von Kurt Gerron stimmt. Was immer der Autor dazu geschrieben -, dazu erdacht oder fabuliert hat, ist völlig egal und tut dem Buch nur gut. Es geht um den Gewissenskonflikt eines Theater- und Kabarettmenschen, eine Persönlichkeit der Kultur in den berühmten Zwanzigern, der, ob seiner jüdischen Abstammung, im KZ Theresienstadt landet. Mit seiner geliebten Olga. Gerron, ein verwundeter Held aus dem ersten Weltkrieg, wo er sich für Deutschland die Eier hat abschießen lassen, hat den Absprung – sprich, Flucht nach Amerika - verpasst. Einer, der nie dachte, dass es mit ihm passiert. Er ist ja schließlich berühmter Deutscher. (Man kann Juden aus Deutschland jagen, aber nicht das Deutsche aus den Juden) Ein Star – keiner sang so gut und vor so vollen Sälen den Mäckie Messer Song. Aber nun ist es so wie es ist. Als Ich – Erzähler beschreibt er sein Empfinden. Und das ist so unglaublich gut, dass einem Schauer über den Rücken laufen. Charles Lewinsky gelingt es, Gerron zu –sein! Wir nehmen Anteil an Gerrons Leben vom Kleinkind, Schule, Elternhaus, erster Weltkrieg, erste Bühnenerfahrungen und Aufstieg. Wir treffen unterwegs Brecht …(der mit seinen ewigen Frauengeschichten), Emil Jannings, Marlene Dietrich, Claire Waldorf, auch Albers, Rühmann, Max Reinhardt und wie die Größen der Zeit alle heißen und hießen. In Theresienstadt bekommt Gerron nun vom KZ Kommandanten Rahm den Auftrag einen Film zu drehen, und das ist das Wahnsinnige dabei, einen Film darüber, der Welt zu zeigen, wie gut es den Juden in so einem Lager geht. Ein Paradies - quasi als Beweis für das internationale Rote Kreuz, um zu zeigen dass alles gut ist.. Sagt er nein, ist er tags drauf in Auschwitz. Sagt er ja, stellt er sich in den Dienst der Nazis und wird ein Teil dieser Vernichtungsmaschinerie. Er dreht den Film. Es ist alles verbürgt, es gibt diesen Film. Und es gibt auch das Ende von Gerron, trotz allem – es/er endet in Auschwitz. Hochgradig bewegend. Das Buch des Jahres(für mich) – jetzt schon, lege ich mich fest.
Erlösung Jussi Adler Olsen, verlag dtv Aufatmen bei mir. Hat der erste Roman von Adler Olsen „Erbarmen“ mich noch echt begeistert, enttäuschte mich allerdings der weitaus schwächere zweite Roman „Schändung“; ein Krimi an der Grenze zur psychopathologischen Phantasie. Trotz des nicht gelungenen zweiten Teils, war ich doch echt gespannt auf „Erlösung“. Und dieser Fall ist auch eher mit „Erbarmen“ zu vergleichen. Man weiß die ganze Zeit was los ist, hat also immer einen Informationsvorsprung vor dem Ermittlungsteam und fiebert mit den Opfern, damit sie noch gerettet werden. Aber es geht vor allem um das komödiantische Miteinander des Teams, des Sonderdezernats Q, das Dezernat für ungelöste Fälle; um den Sonderling von Kommissar Carl Mørck mit seinem Assistenten, den undurchsichtigen aber hochgradig sympathischen Syrer Assad, mit noch offener politischer Vergangenheit, sowie Rose - alias Yrsa-, die auch ihr Verwechslungsspielchen mit in die zwar chaotische doch ungeheuer scharfsinnige Truppe einbringt. Zusammen gehen sie einen Fall an, der im tiefen Dunkel fundamentalistischen Sektierertums spielt, in diesem Fall bei den Zeugen Jehovas. Man kriegt haarklein mit, wie krank so ein Sekten - System ist, aber letztendlich geht es auch um Menschen. Die wunderbare Erzählerin und Krimiautorin Fred Vargas geht ähnlich vor. Aus kryptischen, winzigen Kleinigkeiten, bei „Erlösung“ geht es um eine, so gut wie nicht mehr lesbare, Jahre alte Flaschenpost, wird eine fiebrige Suche angefangen. Spannend hält sich die Geschichte bis zum Ende. Wobei die wunderbaren – skurrilen Gedankengänge und Dialoge von Carl Mørck und seinem Assistenten Assad, das Boot über Wasser halten. Ein guter Zeitvertreib, Genuss ohne Reue und mindestens ebenso gut wie der Erstling „Erbarmen“!
Gefährlich Geliebte Haruki Murakami, verlag btb Ein Männerroman aus Japan, den sicher auch viel Frauen gelesen haben, denn er ist literarisch von außerordentlicher Qualität. Es ist die Geschichte einer Obsession, geboren in den Kinder - und präpubertären Jahren von Hajime und seiner Jugendliebe Shimamoto. Das kann sicher jeder gut nachvollziehen. Es gibt, wenn ich etwas wühle in meinen Gedanken, Geschichten und Dramen aus all den erlebten Jahrzehnten, immer wieder das eine oder andere Gesicht aus der Vergangenheit, bei dem, wenn es dann tatsächlich auftaucht, ein Schwall Emotion einen nahezu unerklärlich überwältigt. Es kann ein Gesicht sein aus frühen Jahren oder die Erinnerung an eine frühe erotische Situation. Bei Hajime und Shimamoto ist diese Impfung aber Lebens prägend und wirkt bis zu einem eventuellen, bitteren Ende. Gut, dass dieses Ende offen bleibt. Legt nun Gevatter Tod Hand an oder gibt es irgendeine andere Erlösung? Bis so weit kommt, durchleben wir mit Hajime sein hartes Erwachsenwerden, seine beruflichen Erfolge und auch die Gründung einer Familie mit einer guten, ja auch geliebten Frau. Nur, es ist nicht Shimomato. Deshalb bleibt die Rastlosigkeit ständiger Begleiter. Ausgelöst aus der nie vollzogenen Körperlichkeit und Nähe zu Shimamoto. Es muss einfach irgendwann passieren, es ist obsessiv und hocherotisch wie alles daher kommt, und es ist nachvollziehbar. Jeder Mann, der in der Lage ist, sein Leben zu reflektieren, begreift das Unbehagen des Lebens, wenn es eine offene Frage, ein offene, nie zu schließende Akte gibt. Große Literatur.
Mariaschwarz Heinrich Steinfest, verlag Piper Das ist ja mal ein Ding. Ich habe ein Buch gelesen, von dem ich die ganze Zeit weiß, bzw. wusste, dass ich es schon mal gelesen habe. Gut kann 5-10 Jahre her sein, aber ist ja egal. Heinrich Steinfest ist mir jedenfalls schon einmal aufgefallen, durch so einen Comic Krimi: „Die feine Nase der Lili Steinbeck“. Deshalb habe ich jetzt noch mal zugegriffen, weil grad nicht anderes greifbar war, und war nicht enttäuscht. Steinfest kann virtuos Geschichten erzählen und entwickeln, und vor allem, es gelingt ihm immer wieder, der Story eine überraschende Wende zu geben. Natürlich gibt es den „Kommissar Außenseiter“, wie in fast jedem guten Krimi, wo der Ermittler die Last seines Jobs, der Familie, explizit einer gescheiterten Beziehung, oder was immer, mit sich rumschleppt. Aber diese einsamen Wölfe verstehen es auf ihre Art, zu suchen und zu finden. Im vorliegenden Fall geht es um einen rätselhaften schwarzen See in einer alpenländischen Unidylle, einen suchenden (vermeintlichen-) Vater und Meister im Ritualsaufen, einen unglaublichen- im wahrsten Sinne des Wortes - Unfall in Mailand und einen gesellschaftlichen Tabubruch im sexuellen Bereich.. All diese Dinge muss man erst mal in einem Roman zusammenfassen können. Aber herausgekommen ist ein lesbarer Kriminalroman, dem die Kurzweiligkeit nie abgeht.
Fast genial Benedict Wells, Diogenes Da schreibt ein deutsches Talent (Jahrgang 1984) einen schönen Roman über einen Trip quer durch Amerika. Angetrieben von der Suche nach seinem Vater, will Francis Dean endlich sein Leben in den Griff kriegen. Denn bisher ist es die übliche armselige Hölle in einem Trailerpark. Das Zusammenleben mit der manisch - depressiven Mutter wird immer schwerer und ihre Selbstmordversuche machen Francis dermaßen zu schaffen, dass auch er in der Perspektivlosigkeit des Lebens zu verschwinden droht. Doch irgendwie ist da etwas Suchendes in ihm und über einen Abschiedsbrief seiner Mutter und ein paar Zufälle, stößt er auf eine unglaubliche Geschichte; nämlich die seiner Zeugung. Fortan wird es bei ihm zur „Manie“ seinen Vater zu finden, in dem er einen reichen - und hochintelligenten Harvardprofessor, oder zumindest diese Liga, vermutet. Nachdem er im Krankenhaus, in dem seine Mutter behandelt wird, ein Mädel kennenlernt, die auch eine zweifelhafte psychische Last mit sich trägt, und sich in sie verliebt, fasst er gemeinsam mit seinem hochintelligenten Schulfreund namens Grover den Entschluss, nach Westen zu fahren. Hier in California liegt diese ominöse Monroe Klinik, die beteiligt war an der Entwicklung von Superkindern, in dem Männer mit einem IQ jenseits der 170, ihren Sperma inkognito in sorgfältig ausgesuchte Frauen verpflanzen ließen. Ziel dieses zweifelhaften Eugenik Projektes war es, rassentheoretisch, ebenso hochintelligente Menschen zu „züchten“. Aber wie so oft zeigt das wahre Leben eine lange Nase. Bis es aber zum Showdown kommt, sind Abenteuer zu bestehen – schöne Geschichten aus Amerika und vor allem aus Las Vegas. Die Stadt bleibt für Francis ein Traum, den er aber bis zuletzt nicht los wird. Alles in allem, gut. Von Benedict Wells werden wir noch viel hören.
Milchgeld Volker Klüpfel, Michael Kobr, verlag Piper Man hat das zweifelhafte Gefühl, dass diese Art folkloristischer Krimis – in diesem Fall das beschauliche Allgäu – von den örtlichen Fremdenverkehrsämtern vorfinanziert werden. Diese ländlichen Idyllen müssen doch irgendwelche Schatten haben, aus denen sich ein Krimi basteln lässt. In die heutige Zeit passen da Milcherzeugnis, Käsewirtschaft, EU – Bürokratenversagen, Geldgier und Familienzwiste. Ach ja, dann gibt es noch den scheinbar trotteligen Kluftinger, ein Kommissar wie sein Name schon sagt, liebenswert aber fast lebensunfähig wenn es mal darum geht „Kluftinger allein zu Haus“. Denn seine Frau ist ohne ihn nach Mallorca. Ach ja, alles sehr süß. Es gibt auch Morde, ist klar – denn Milchwirtschaft und Lebensmittelchemie ergänzen sich insofern, dass man Käse immer schneller reifen lassen kann – bis es dann zu einer Umkehr kommt. Weil so ein Käse auch nicht alles mit sich machen lässt. Fazit: wenn man mal wirklich nichts anderes zu lesen hat und sich per Buch durch die vermeintliche Postkartenidylle schippern lassen will, nur zu.
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