Tagebuch

So, die Zeit des Tagebuchs ist vorbei.

Ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen, Freunde, mir wohl gesonnene - oder nicht so wohl gesonnene Menschen, immer mal wieder reingeklickt haben und sich über mich wunderten, oder freuten oder mit mir weinten.
Was ich heute weiß, ist aber folgendes: für mich war diese zeitweise chronologische Verfolgung meines Lebens über die letzten zwei Jahre, natürlich ein Mittel, meine "Seele zu retten". Ich bin nun mal ein Mann des Wortes; ob dies in der Form eines Tagebuchs oder eines Songs geschieht, ist unerheblich. Ich brauchte wohl diese Bewältigung mittels Worte, um den parallel fließenden schlimmen Krankheitsverlauf von Moni, meiner Frau, abzufedern. Ja quasi um selbst am Leben zu bleiben. Das mag mir vielleicht der eine oder andere heute kaum mehr glauben, mache ich doch heute, denke ich, ein durchaus positiven Eindruck und halte mein Gesicht in die Sonne. Wahr ist aber auch, dass ich froh bin, den ersten Winter überlebt zu haben. Da gab es viele Projektionen, psychologische Bandagen und Verklärungen, mit denen ich, das weiß ich heute, auch viele nahe Freunde und vor allem Freundinnen geschockt habe.
Ich habe lange mit meiner Tochter gesprochen. Sie ist mir so wichtig und hat mir jetzt in vielen Teilen die Augen geöffnet. Es ist zwar auch hypothetisch, wenn sie sagt: "Papa, du weißt gar nicht wie viele dein Tagebuch lesen" und "Komm mal runter, erzähl nicht so viel, was eigentlich in eine Privatsphäre gehört". Und da kommen einem schon Gedanken, warum ich eigentlich diesen Weg der dramatischen Offenheit über mich, mein Unglück - also auch meiner eigenen Krebsscheiße - oder wahlweise mein Wohlergehen, so öffentlich mache? Ich habe darauf heute keine Antwort aber ich sage jetzt Mitte März, nach über zwei Jahren mit Leben vor dem Tod und dem danach, ich brauchte es wohl so.
Trauer, ich habe es oft geschrieben, auch im Tagebuch, hat keine zeitliche Komponente sondern eine subjektiv Manifeste. Ich werde also in Zukunft wieder privat, nutze nicht mehr das Internet als öffentliches Forum meiner Befindlichkeit, meiner Träume oder meiner (neuen) Beziehungen. Es ist an der Zeit, dieses Kapitel abzuschließen, ähnlich wie ein pubertierendes Madchen mit 12 Jahren anfängt Tagebuch zu schreiben und sich mit 14 - nach durchlesen der zwei Jahre - fragt, was hast Du da eigentlich gemacht?
Trotzdem sind mir viele nette Episoden aus den letzte zwei Jahren in positiver Erinnerung geblieben, vor allem dann wenn ich mal so richtig politisch auf die Sahne gehauen habe und das so wohlfeil, dass ich es immer wieder gerne gelesen habe, einfach weil mir die Formulierung gut gefiel.

Vielleicht werde ich später für mich, im Zweifelsfall auch für meine Tochter, ein Buch (aber wirklich nur eins) daraus machen, mit den zeitlich dazugehörenden Bildern und Fotos. Und eines Tages wird auch das zur Geschichte. Wie auch immer.

Tschüss Tagebuch. Wer mit mir weiter kommunizieren will, der findet immer einen Weg.
Fred im März 2011 (genau zwei Jahre nach der Diagnose)

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